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Nachhilfeunterricht
Ich bin zu einer Zeit groß geworden, als das Taschengeld, das Teenager so im Schnitt bekommen haben, nie gereicht hat. Möglicherweise hat sich das nicht geändert. Geld kann man nie genug haben, Geldquellen in letzter Konsequenz auch nicht. Stetig sprudeln sollten sie, denn Weihnachten und Geburtstage waren nunmal zu selten, um im Jahreskreis für die Finanzierung der ständigen Wünsche nach lebenswichtigen Sachen wie Langspielplatten (Vinyl! Jawoll!), Lippgloss mit Erbeergeschmack oder Kino zu sichern.
Ja, es war die Geldnot, die mich im zarten Alter von 13 Jahren zur Lehrerin werden ließ. Ich gab Nachhilfeunterricht in Latein, Mathe und Englisch. Acht Mark pro Dreiviertel-Stunde. Ich war damit Großverdienerin!
Meine Schüler – in der Hauptsache drei Dauerbrenner – waren typische Vertreter für die damalige Zeit (auch wenn sie so ein oder zwei Jahre jünger waren und für mich daher noch unter Kinder einzuordnen waren). Erstens, ein Junge: Das erste mir bekannte Scheidungskind, noch dazu von reichen Eltern, der die Nachhilfestunden total genossen hat – endlich war mal jemand da, und hat sich um ihn gekümmert. Er hat fleißig mit mir gelernt. Und das war am Ende schlecht für’s Geschäft und schlecht für ihn: Seine Noten wurden besser, und ich wurde entlassen.
Dann gab ich einer Schülerin aus meinem Dorf Nachhilfe in Englisch und Latein. Ich bin keine Psychologin, aber das Mädel war einfach nur sehr, sehr schüchtern. Ehrenwort: Sie war eigentlich sogar ziemlich gut – solange sie nicht reden musste oder sonst wie unter Beweis stellen musste, dass sie gut war. Sie gehörte vielmehr zu den Leuten, deren wichtigste Lektion das Nein-Sagen-Können ist. Sie war eine brave Schülerin und eine brave Tochter. Ihre Eltern hatten einen großen Gasthof – eine schweigsame Wirtstochter, die es ihren Eltern eigentlich nur recht machen wollte. Und je mehr sie sich bemüht hat, umso stiller wurde sie.
Die dritte Schülerin war ein absoluter Wildfang. Ein fauler Sack, in dem außer Flausen nix drin war. Da sie später Medizin studiert hat, kann ich a) nicht behaupten, sie hätte nicht genügend Talent gehabt, und b) dass ihr die nötige Disziplin grundsätzlich abging. Aber mit beginnender Pubertät war sie mein früher Nachhilfe-Lehrer-Heldentod. Im Grunde aber war sie ein absolut normaler Teenager, der einfach alles Mögliche im Kopf hatte – bloß nicht Schule und Lernen. Hier war ich als Nachhilfe-Profi endlich richtig am Platz: Ich war der Lern-Bodyguard, der in der wöchentlich gebuchten Lernzeit einfach nur dafür sorgen musste, dass das Mädel überhaupt mal die Vokabelhefte in die Hand genommen hat.
Und wenn ich mir mein kleines Memory so ansehe: Alles was die Drei gebraucht haben, war nicht Hilfestellung und Erklärung beim Lernstoff. Es war vielmehr das richtige Maß und die richtige Form an Zuwendung und Aufmerksamkeit. Da ich ja nicht viel älter als diese Kinder war, haben sie mich vielleicht auch eher akzeptieren können als einen Erwachsenen.
Im Grunde genommen – und jetzt sehe ich die halbe Welt schon mit Tomaten nach mir schmeißen – habe ich damals als unwissender Teenager das gemacht, was die Eltern genauso gut hätten machen können: Einmal in der Woche eine Dreiviertelstunde hinhören, einmal in der Woche eine Dreiviertelstunde mit dem Kind gemeinsam etwas tun, was es sonst nicht so gerne macht – zumindest nicht alleine, oder weil es sich den Sinn nicht erklären kann. Oder weil es nicht weiß, wo die Ziellinie ist – weil diese zu weit weg oder zu hoch gesteckt ist. Und einmal in der Woche eine Dreiviertelstunde den anderen einfach so nehmen wie er ist: Manchmal gut drauf mit voller Punktzahl beim Vokabel-Lernen, und manchmal halt nicht.
Lernen macht Freude. Gemeinsam lernen macht noch mehr Freude. Das gilt auch für Eltern.






