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Bräuche neu entdecken - Warum Bräuche für uns wichtig sind
Autor: Oldenbourg-Klick, 2011 6 Autorenpunkte Fach: Ethik, Philosophie, Politik, Sozialkunde, Wirtschaft
Weitere Materialien zu: Wirtschaft, Feste, Projekt, Primarstufe, Politik, Weihnachten, Sekundarstufe, Advent, Nikolaus, Klasse 8, Jahreszeiten, Klasse 6, Klasse 5, Begriffe, Ethik, Ostern, Gemeinschaft, Kommerzialisierung, Vorhaben, Sachinformation, Brauchtum, Feiern, Jahreskreis, Jahreswechsel, Jahreslauf, Pfingsten, emotionale Prozesse, emotionale Aspekte, Medienereignisse, gesellschaftliche Aspekte, Muttertag, Philosophie, Klasse 7, Fachunabhängig, Sozialkunde, Klasse 9, Klasse 10
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Bräuche neu entdecken Warum Bräuche für uns wichtig sind Dieser Praxis und Theoriebeitrag bietet viele Informationen zum Thema Brauchtum und gibt Anregungen für den Unterricht. Bräuche gehören durch ihre Traditionen und ihre regelmäßige Wiederkehr zu den vertrauten und gewohnten Erscheinungen in unserem Leben die uns Halt geben. Auf der anderen Seite sind sie etwas aufregend Einmaliges das aus dem gewöhnlichen Trott ausbricht. br br Weitere Informationen und Materialien finden sie unter a href http www.oldenbourg klick.de www.oldenbourg klick.de a br Weitere Informationen zu diesem Beitrag finden Sie hier a href http www.oldenbourg klick.de archiv downloads view artikel download artikelnummer smz20081005 Bräuche neu entdecken a Braeuche neu entdecken smz20081005 Brauchtum Thema Bräuche neu entdecken Warum Bräuche für uns wichtig sind Bräuche sind Teil einer Magie des Alltags Einerseits gehören sie durch ihre Traditionen und durch den wohltuenden Rhythmus ihrer regelmäßigen Wiederkehr zu den vertrauten und gewohnten Erscheinungen in unserem Leben die uns Halt geben. Auf der anderen Seite sind sie im trägen Dahinfließen alltäglicher Gegebenheiten etwas aufregend Einmaliges das aus dem gewöhnlichen Trott ausbricht. Von dort aus lassen sich Bräuche in ihrem Wesen in ihrer Erscheinung und in ihrer Funktion recht genau bestimmen Es geht in ihnen immer auch bei allen Wandlungen denen Bräuche unterliegen um das Aktivsein in einer Gemeinschaft. Fritz Langensiepen Kein Leben ohne Bräuche Es gibt wenig was eine so elementare Bedeutung im alltäglichen Dasein der Menschen hat wie ihre Bräuche. Mit größter Selbstverständlichkeit und Vertrautheit sind sie vorhanden gehören sie zum Inventar der menschlichen Grundbedürfnisse. Ja versierte Kulturforscher haben keine Probleme Bräuche als so lebensnotwendig anzusehen wie die leibliche Stärkung durch Essen und Trinken Döring 2007 . Kein Mensch kommt ohne Bräuche durchs Leben von der ersten Stunde seines Daseins bis hin zu seiner Bestattung ja eigentlich noch darüber hinaus wenn man sich die Bräuche des Totengedenkens Allerheiligen Allerseelen vergegenwärtigt. Feste und Feiern von besonderer Bedeutung begleiten ihn in schöner Wiederkehr durch die Jahre. Freude und Trauer lichte und dunkle Lebensmomente werden in Bräuchen begangen gefeiert verarbeitet herausgehoben. Bräuche und die Magie des Alltags lichen Alltag lässt sich am besten als Magie des Alltags verstehen. Bräuche sind Teil der Magie des Alltags. Einerseits gehören sie durch ihre Traditionen und durch den wohltuenden Rhythmus ihrer regelmäßigen Wiederkehr zu den vertrauten und gewohnten Erscheinungen in unserem Leben die uns Halt geben. Auf der anderen Seite aber sind sie im trägen Dahinfließen alltäglicher Gegebenheiten doch wieder etwas aufregend Einmaliges das aus dem gewöhnlichen Trott ausbricht. In der besonderen Sphäre eines Festes liegt etwas von der wunderbaren Stimmung die den Alltag auf einmal hell erstrahlen lässt. Wenn jeden Tag Weihnachten wäre dann wäre es ja gar nichts Besonderes mehr hört man die Menschen sagen. Oder sie sagen Das ist ja wie Weihnachten und Ostern auf einen Tag um ein großartiges Ereignis zu charakterisieren. Am Festtag können sie ohne weiteres ihre gewohnte Alltagsrolle hinter sich lassen und in eine prächtige Robe in ein schillerndes Kostüm in eine fantastische Rolle schlüpfen und als Prinz Karneval als Schützenhauptmann als Maikönigin oder als bunter Clown etwas Besonderes oder etwas Verrücktes darstellen was man im Alltag nicht sein kann. Die Verwandlung gehört zur eigentlichen Natur der Menschen. In den Bräuchen wird die unauflösbare Magie des Alltags auf eine sehr nachdrückliche Wenn es etwas gibt was unser Bild des Alltags auf eine faszinierende Weise beleuchtet so ist es dieses merkwürdige Verhältnis der vertrauten Normalität zum Herausgehoben Exklusiven. Der Alltag gibt uns die Sicherheit die wir zum Leben unbedingt brauchen wenn dieses Leben in bekannten Bahnen und in einem gewohnten Rhythmus abläuft. Das Vertraute kann wirklich ein Segen sein. Ohne die zusammenhängenden Muster des vertrauten Alltags könnte kein Mensch leben. Aber der Alltag ist auch eine sehr komplexe lebendige Umgebung. Die Komplexität von Vertrautem und Exklusivem das Vorhandensein des Besonderen im gewöhnSchulmagazin 5 bis 10 10 2008 Bräuche sind Massenereignisse 5 Thema Brauchtum Weise sichtbar. Das Gewohnte stellt sich als das Besondere heraus und das Besondere ist schon im Gewohnten angelegt. Bestimmte Termine sagt der Schweizer Kulturwissenschaftler Utz Jeggle sind der Anlass für einen in Regelmäßigkeit und vorgegebenen Formen praktizierten Ausnahmezustand. ... Der Brauchtermin gestattet alle möglichen Grenzüberschreitungen die sich uns als Sehnsucht der ordentlich geregelten Welt tagweise zu entkommen offenbart. Ordnung der Bräuche etwa aus dem Festkreis um Weihnachten die in einen familiären Rahmen gehören. In der Adventszeit durften artige Kinder kleine Strohhalme in eine Miniaturkrippe legen. An Weihnachten wird an manchen Orten die festliche Tafel mit drei feinen weißen Tischdecken übereinander versehen die die heilige Dreifaltigkeit symbolisieren sollen. Solchen Bräuchen eignet der stille familiäre Rahmen. Aber das ist beileibe nicht die Mehrzahl. Ganz anders die lärmenden Maskenumzüge die Schützenparaden das Spektakel des Straßenkarnevals mit der dicken Trumm Autokorsos bei Sportevents Martinszüge Osterfeuer Pfingstumritte feierliche Prozessionen das Aufstellen des Maibaums Weihnachtsmärkte Kirmestanz Böllerschießen usw. die alle Massenereignisse sind die eine große ffentlichkeit und eine große Dichte erreichen. ber eine Million Menschen feiert am Zugweg oder Ganz Köln schunkelt im Sonnenschein springt uns in fetten Balken schon auf der Titelseite unserer Zeitung an. So artikulieren sich die unglaubliche Dimension die unschlagbare Attraktivität und die suggestive Wirkung heutiger Massenereignisse. Selbst früher bescheidene stille Lichterbräuche in der dunklen Adventszeit werden heute zur Riesenshow an privaten Wohnungen mit einem schier grenzenlosen Aufwand grellfarbiger Lichterketten und bizarrster Leuchtfiguren mit dem angesagten Ziel sich der ffent lichkeit noch aufdringlicher zu präsentieren als alle anderen Häuser im Viertel. Emotionen und Leidenschaften bilden den Urgrund und ersten Anlass all dieser Feste und Massenereignisse. Aber das entlädt sich in den Bräuchen nicht einfach ungezügelt. Bräuche haben immer die Tendenz dem Miteinander eine feste Ordnung zu geben. Was in den Bräuchen stattfindet ist auch schon bei schlichteren Ausprägungen eine sthetisierung des Geschehens. Die Abläufe innerhalb des Brauchgeschehens bekommen durch geregelte Formen ihren neuen ästhetischen Wert. Brauchdefinition Bräuche sind herausgehobene Zeichen unterschiedlichster aber immer besonderer Daseinsäußerungen das ganze Leben hindurch Lebensbräuche oder das Jahr hindurch als feststehende jährlich wiederkehrende Fest Schenk oder Gedenktermine Jahresbräuche . Bräuche bestimmen einzelne Zeitabschnitte das Jahr hindurch. Wir denken bei der zeitlichen Ordnung des Jahres geradezu in Bräuchen. Wir sprechen von der Osterzeit der Weihnachtszeit der Fastenzeit. Karneval hat für viele Menschen eine derart unwiderstehliche Anziehung dass sie ihm eine eigene Jahreszeit zurechnen Fastnacht wird zur fünften Jahreszeit erhoben. Diese Ordnung der Zeit regelt viele gemeinsame Aktivitäten der Menschen. Unter den gemeinsamen Brauchzeiten schließen sie sich eigentlich zu Identitäten zusammen. Die Zeitrechnung der Bräuche durch das Jahr drückt präzise aus was die Menschen sich am meisten wünschen. Die Wiederkehr der Festtage deren Namen und Brauchformen den Menschen sehr bewusst sind gibt ihnen Sicherheit. Bräuche sind Massenereignisse Um das Verständnis von Bräuchen auf einen Nenner zu bringen lässt sich nach allen bisher angestellten berlegungen Folgendes festhalten 1. Es geht bei Jahres Bräuchen vor allem und dem ursprünglichen Wortsinn nach um Gewohntes und Herkommen um historische Konstanz. Es geht um regelmäßig wiederkehrende Ereignisse zu bestimmten Terminen. Bräuche werden durch Tradition begründet. 2. Als kollektive und öffentliche Ereignisse haben Bräuche eine starke gesellschaftliche Komponente. Sie schaffen Identitäten durch gemeinschaftliche Aktivitäten. 3. Bräuche haben ihren Sinn und ihre Funktion. Sie heben etwa den bergang in eine neue Lebensphase festlich Die Gesellschaft will und kann auf besondere und festliche Gemeinschaftsereignisse nicht verzichten. Die Art und Weise Feste zu feiern stärkt das Gefühl von Einheit und Gleichheit prägt eine Gesellschaft und gibt ihr einen Zusammenhang. Bräuche haben ihre große gesellschaftliche Bedeutung. Sie verlangen auch immer nach ffentlichkeit. Sie sind das hervorragende und gesuchte Forum sich zu präsentieren und mit besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen zu werden. ffentliche Anerkennung ist sicher eines der großen Motive die Mühen und den Aufwand der Brauchausübung auf sich zu nehmen. Es mag intime Brauchformen geben Bräuche sind Gemeinschaftserlebnisse 6 Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 Brauchtum Thema hervor z. B. Konfirmation Hochzeit oder feiern den Beginn oder das Ende einer Phase im Jahreslauf z. B. Neujahr Erntedank oder begehen festlich das Andenken großartiger Gestalten Ereignisse und Ideen oder geben ganz einfach der Lebensfreude am Feiern ihren freien Lauf. 4. Bräuche haben ihre prägnanten und charakteristischen Ausdrucksformen. Der Martinsbrauch z. B. wird mit Umzug Verkleidung Heischen von Gaben mit Feuer Lichtern und Liedern begangen. Solcherart Ausdrucksformen kommen in anderer Zusammensetzung und Gewichtung bei den anderen Bräuchen vor. 5. Bräuche finden nicht ohne weiteres anonym und kaum spontan statt. Ihre Durchführung und Tradierung verlangt das Engagement von Brauchträgern. Um Bräuche zu gestalten und Bräuche weiterzugeben müssen und wollen sich Menschen in den unterschiedlichsten Vereinigungen und Institutionen dafür engagieren. Brauchträger können Vereine Bruderschaften Nachbarschaften Gesellschaften Verbände aber auch z. B. Schulen Kindergärten Kirchen oder Freiwillige Feuerwehren sein. Es ist schon erstaunlich wie viel Zeit und Kraft viele Menschen ehrenamtlich einbringen um bei Bräuchen mitzuwirken. Aber der Gewinn ihrer Mühen und Investitionen ist beträchtlich berwindung des grauen Alltags Erlebnis der Gemeinschaft Freude beim Feiern öffentliche Anerkennung gestärkter Selbstwert sicheres Gefühl wachsender Identität usw. Das alles ist ein kostbares Gut ist ein Gegengewicht zu unserer mehr und mehr globalisierten Epoche mit all ihren Unwägbarkeiten Anonymisierungen und mentalen Destabilisierungen. Aktiv sein in einer Gemeinschaft der Kern des Brauchlebens sen hinausweisenden Grundmuster auf um die Vorteile jeglichen Brauchengagements verstehen zu lernen. Das Auffallendste in den Einstellungen junger Schützenbrüder zu ihrem Brauchgeschehen ist das Mitmachen . Aktiv zu sein in einer Gemeinschaft wird man ganz allgemein als Kern des Brauchlebens in unserer Zeit begreifen können. Mitmachen ist aber nur aus seinem engeren untrennbaren Bezug zu Inhalten wie Gemeinschaft Spaß und Stolz zu verstehen. Mitmachen bedingt erfordert und stärkt Gemeinschaft Spaß und Stolz. Gemeinschaft Spaß und Stolz sind die großen Antreiber dass Menschen bei Bräuchen mitmachen aktiv dabei sind und sich gerne engagieren. Mit signalisiert das Gemeinsame die Gleichgestimmtheit der Aktion geradezu die familiären Bezüge der Geborgenheit und des Wohlfühlens. Machen betont die Aktivität das Anpacken die Lebendigkeit und Dynamik. Bräuche verlangen gemeinschaftliches Handeln etwa das gemeinsame Feiern damit die Menschen ihre Freude daran finden und mitnehmen. Das Mitmachen stärkt die Gemeinschaft. In der Gemeinschaft erleben die jungen Schützen jede Menge Spaß. Spaß wiederum motiviert zum Mitmachen. Wenn wir zur positiv eingeschätzten Gemeinschaft dazugehören dann erfüllt uns das mit Stolz. ffentliche Selbstdarstellung schmückten Maibäumen gewaltigen Eierkronen in der Bewegung der Fahnen in weithin wahrnehmbaren Feuern und Feuerwerken in bunten Blumenteppichen und Girlanden umwundenen Ehrenporten. Im Stolz des Präsentierens liegt immer die auffallende Tendenz den gewöhnlichen Alltag hinter sich zu lassen manchmal geradezu das Nächste zu vermeiden die allzu vertraute überbestimmte Lebenssituation zu fliehen und auf den Glanz des Exklusiven und der großen festlichen Gesten loszugehen das Reservoir ungestillter Verwandlungslust von Herzen auszuschöpfen. Beim Präsentieren geht es darum sich hervorzutun auch besser sein zu wollen als andere sich dem Wettkampf zu stellen vergleichbar dem festlichen Turnier früherer Zeiten. Wer wird dieses Jahr Schützenkönig Maikönigin Hahnenkönig Wer gewinnt an Ostern beim Eierkippen Wer hat das schönste Martinsfeuer über dem Fluss in Brand gesetzt Das Spiel die Leichtigkeit jenseits der alltäglichen Belastungen ist eine wichtige Handlungsform des Feierns an Festtagen. Viele Bräuche heißen auch Spiel Fahnenspiel Hötschelspiel Jungenspiel usw. Ankerfunktion der Bräuche Es mag von Nutzen sein den Gedanken vom mentalen Vorteil des Brauchgeschehens und der Brauchaktivitäten am Beispiel des niederrheinischen Schützenwesens offen zu legen. M. Krieger hat im Rahmen eines Forschungsprojektes des Bonner Amtes für rheinische Landeskunde 2006 eine grundlegende empirische Untersuchung zu den Einstellungen junger Schützenbrüder zu ihrem Brauch vorgelegt. Die Ergebnisse der Studie decken die über das SchützenweSchulmagazin 5 bis 10 10 2008 Zu dem Wirkungskomplex Mitmachen und Stolz tritt noch der inhaltliche Aspekt Präsentieren als eine Konkretisierung des Aktivseins bei Bräuchen hinzu. Man stellt sich voller Stolz in der ffentlichkeit dar zeigt sich im besten Licht. Die Identifikation mit der Gemeinschaft befördert das Bedürfnis sich selbst darzustellen. Der Wirkungskreis Mitmachen Präsentieren Stolz lässt sich in vielen Brauchzusammenhängen entdecken ohnehin im rheinischen Karneval mit dem Glanz der Uniformen und den großen Umzügen aber beispielsweise auch in den Maibräuchen an Fronleichnam bei den Erntedank und Winzerfesten bei Trachtenfesten im Dreikönigsbrauch. Stolzes Präsentieren wird in den verschiedensten Ausdrucksformen sichtbar in auffälliger Kostümierung bunt ge Den engen Alltagsbezügen entfliehen in den Bräuchen das Besondere erleben das Brauchgeschehen ist Teil einer komplexen immer verwirrenderen immer anonymeren Wirklichkeit. Es ist nicht zu übersehen dass die Bräuche einerseits eine Anker und Ventilfunktion haben um den Menschen Nähe Geborgenheit und Identität zu vermitteln dass sie andererseits aber auch in den Sog der Veränderungen geraten sind die mit beklemmender Macht an ihnen zerren. Die Frage nach der Attraktivität gemeinsamen Feierns und Fröhlichseins in unserer Zeit beantwortet Mezger 2001 damit Feste und Bräuche seien lokale Antworten auf den Globalisierungsprozess In einer Welt die global immer eintöniger wird ist das Erlebnis regionaler und lokaler Besonderheit notwendiger denn je geworden. Brauchwandlungen Die veränderte und sich weiter verändernde Wirklichkeit der Bräuche lässt uns drei Entwicklungslinien erkennen 1. Lebendige Bräuche haben sich immer verändert und erneuert um attraktiv zu bleiben. Die Offenheit der Gegen 7 Thema Brauchtum welt des rheinischen Karnevals ist dafür ein gutes Beispiel. Die Kraft des Karnevals zeigt sich darin dass er immer neue Gegenwarten mit ihren Ideen und Inszenierungen in sich aufnehmen kann ohne seine historischen Traditionen über Bord werfen zu müssen. Frier 2005 Oder Im Zeitalter der Gleichstellung können auch junge Frauen zumindest in Schaltjahren ihren Liebsten einen Maibaum vors Haus stellen. 2. Bräuche verschwinden Bräuche schlafen langsam ein weil sie den Menschen fremd geworden sind weil sie der neuen Wirklichkeit nichts mehr zu sagen haben. Manche religiösen Bräuche haben sich in unserer säkularisierten Zeit nicht mehr halten können. Manchmal gibt es aber gezielte Initiativen die auf das Engagement Einzelner zurückgehen können um einen fast schon vergessenen Brauch wieder in Schwung zu bringen. Der Sternensingerbrauch den kaum mehr jemand kannte erlebte in den letzten Jahrzehnten mit neuer Sinngebung eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. 3. Neue Bräuche zielen auf veränderte Bedürfnisse und Bezüge der Menschen. Sie können bereits lebendige Feierleidenschaften der modernen Erlebnisgesellschaft verstärken. Halloween ist dafür ein anschauliches Beispiel. Mitte der 1990er Jahre beginnt sich der Brauch ein amerikanischer Export global fremd neu bei uns in Europa gegen mancherlei Ablehnung zu etablieren. Im Rheinland gerät er bald in den Sog von Karneval und wird zum willkommenen Feieranlass schon vor dem 11.11. also vor dem offiziellen Beginn der närrischen Session. Halloween stellt keine Karnevalskonkurrenz dar sondern bietet sich als längst erhoffte Ausweitung der Fastnacht an. Die Region vereinnahmt den globalen Brauch. Sie hat die Kraft dazu. Ein globaler Brauch wird regionalisiert ein unglaublicher Vorgang. Der Gruselbrauch bekommt eine eher heiter karnevalistische Note. Der Kürbis das HalloweenSymbol par excellence ist nicht länger die Furcht erregende Fratze. Im Rheinland schmückt ihn sozusagen die lustige Pappnase. Bräuche spielen sich nicht auf luftigen fernen Wolken ab Um es nochmals zu betonen Jahres Bräuche sind öffentliche Massenereignisse mit großer Resonanz und Wirkung. Sie werden zwangsläufig zum Thema und Objekt ökonomischer Interessen medialer Vereinnahmung und politischer Einflussnahme. Das kann niemanden wundern wird aber von vielen beklagt. Doch wie sollte es anders sein Bräuche spielen sich nicht auf luftigen fernen Wolken ab sie spielen mitten im Leben. Sie sind Ausdruck unseres Lebens und unserer Gesellschaft. Natürlich gibt es Begehrlichkeiten bergriffe und Ansprüche. Wie oft mussten oder müssen sich Bräuche oder Brauchträger ökonomischen medialen oder politischen Einflüssen beugen. Aber oft genug haben die Menschen sich von ihrer Lebensfreude nicht abbringen lassen und einfach nach ihrer Art weiter gefeiert. Als jüngst der Kölner Stadtrat die traditionelle große Volkskarnevalssitzung in einem Großzelt auf dem Neumarkt verbot weil auf den Plätzen der Innenstadt keine Zelte mehr aufgebaut werden sollen erhob sich ein Massenprotest bei den Kölnern namentlich bei den Karnevalisten die alle mit schwarzen Pappnasen ihren Unmut zur Schau trugen und ihrer Kritik auch mit Persiflagewagen auf dem Rosenmontagszug freien Lauf ließen. Die Politiker die bald merkten dass sie sich zu weit vom feierfreudigen Volk entfernt hatten hoben nach einigen Diskussionen ihren voreiligen Verbotsbeschluss wieder auf. Kommerzialisierung von Bräuchen Die Kommerzialisierung von Bräuchen setzt schon ungeahnt früh schon im 19. Jahrhundert ein. Denn auch damals war den Akteuren bereits klar Brauchveranstaltungen kosten Geld. Deshalb gilt es Finanzquellen zu erschließen. Aber die Kommerzialisierung wuchs sich ins Gigantische aus. Sie beherrscht heute die großen attraktiven Ereignisse des Festkalenders. Schenktermine sind Umsatzbringer und damit einkalkulierte Faktoren im Geschäft des Handels. Karneval bedeutet unverzichtbare Hochsaison für die Brauereien. Der Boom der Weihnachtsmärkte die die Massen anlocken hängt mit ihrem kommerziellen Erfolg zusammen. Manche behaupten Valentinstag Muttertag oder Halloween seien geradezu Erfindungen der Geschäftswelt und der Weihnachtsmann sei eine geniale Idee von Coca Cola. Und da zeigt sich ... die immer totalere Vereinnahmung der Figuren Nikolaus oder Weihnachtsmann durch eine gnadenlose Konsumindustrie der es ausschließlich um Zuwachsraten Umsatzsteigerungen und Profitmaximierung geht so der Brauchforscher Mezger 2001 . Bräuche sind Medienereignisse Politische Einflüsse von Bräuchen Der mediale Aspekt hat mit dem öffentlichen Charakter der Bräuche zu tun. Wer sich präsentieren will sucht die ffentlichkeit. Die Medien stellen die ffentlichkeit her ohne die Bräuche nicht bestehen können. Bräuche sind auf der anderen Seite willkommener Anlass lokaler und regionaler Berichterstattung Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 8 Brauchtum Thema wegen des enormen öffentlichen Interesses an ihnen. TV Sender präsentieren große Karnevalssitzungen in abendfüllenden Formaten zur besten Sendezeit sie übertragen mit großem Aufwand die Rosenmontagszüge in Originallänge und erreichen eine überregionale landesweite ffentlichkeit. Die mediengerechte und mediengesteuerte Konfektionierung von Bräuchen von Brauch Events und Veranstaltungen wird manchmal als Verlust an Authentizität und lokaler Ursprünglichkeit der Festereignisse beklagt. Gelungener Sitzungskarneval müsse ein viel größeres Spektrum haben als Comedy und Klamauk so die Kritik an manchen Brauchtrends heute. Aber auch das kennt man Manche Bräuche werden durch die Aufmerksamkeit der Medien zu neuem Leben erweckt Als sich 1998 in Haag einem kleinen Hunsrückdorf ein Fernsehteam ansagte hat man den Weschdaach die fast vergessene Kräuterweihe am 15. August dort wieder groß aufleben lassen Bohn 2007 . Das Wechselnde und Schillernde unserer Welt die eigentümlichen Bewegungen der Gesellschaft die Beschleunigung des Alltags werden in unseren Bräuchen sichtbar denen sich niemand entziehen kann. Sie sind unser kostbares Erbe aber sie sind kein Museum und keine anonymen Gebilde. Sie spiegeln regionale Traditionen Werte und Haltungen wider. Sie reflektieren Mentalitäten. Es ist also ziemlich viel wie man sieht was die Bräuche ausmachen und was sie uns bedeuten. An einem so vordringlichen Thema der Alltagskultur in dem so viel Energie für unser Leben steckt kann die Schule nicht vorbeigehen. Bräuchen auch verstehen. Schulen sind Brauchträger Wenn für die meisten Menschen Bräuche und Festtraditionen ihre Bedeutung haben wenn die Menschen ohne ihre Bräuche nicht leben können dann berührt das auch Schulrealität und Unterrichtspraxis in einem besonderen Maß. Schulen sind Teil einer komplexen lebendigen Brauchumgebung. Schulen sind Brauchorte wenn ich etwa an den Brauch des Ersten Schultags denke mit dem eine neue Lebensphase beginnt oder an die Abi Events mit denen sich junge Menschen auf ihre Art von einer langen prägenden Lebensetappe verabschieden. Schulen sind aber auch unglaublich wichtige Brauchträger die an lebendigen Brauchtraditionen ihren gehörigen Anteil haben. Schulen tragen bei vielen Festterminen zur Organisation und Durchführung von Brauchgeschehnissen bei. Denn Kinder und Jugendliche sind Brauchakteure ersten Ranges. Bräuche sind Teil der Lebenswirklichkeit der Kinder. Viele Jahresbräuche sind Kinderbräuche wenn ich etwa an St. Martin Dreikönigsbrauch österliche Bräuche manche Pfingstbräuche oder auch Halloween denke. Kinder und Jugendliche sind hier in vielerlei Weise aktiv. Das Mitmachen im Brauchgeschehen ist die entscheidende Größe in der Einstellung junger Leute. Auch Bräuche können eine Schule sein die junge Menschen in das Leben einüben. Es gibt dabei viel kennenzulernen zu sehen und anzupacken. St. Martin und Fastnacht wären ohne Mitwirkung der Schulen heute undenkbar. Die Pädagogisierung des Martinsbrauchs renden Dichters des frühen 13. Jahrhunderts das vom bäuerlichen Milieu berichtet So zechten er und die Seinen dem edlen Sankt Martin zum Preise und zum Gedächtnis bis sie schließlich das Bewusstsein verloren und nicht mehr wussten wo sie herumlagen. Ein schlauer Dieb macht sich diese zügellose Art St. Martin zu feiern zunutze und bestiehlt den reichen Bauer in schlimmster Weise. Auf einem Bild aus dem Umfeld Pieter Bruegels d. . balgt und schubst sich eine große Menge armselig gekleideter Leute mit irdenen Gefäßen um ein dickes rotes Fass hoch auf einem Gerüst. Manche reißen einander an den Haaren andere liegen schon betrunken im Dreck. Das Gemälde lässt keinen Zweifel an der wilden Stimmung eines Martinsfestes. Später sehen wir St. Martin als einen ungestümen Heische und Feuerbrauch junger Leute mit allerlei Rivalitäten und Streitereien bei denen die Fetzen fliegen. So geht es noch im späten 19. Jahrhundert zu. Das mag ja den Beteiligten den Jungen viel Spaß gemacht haben sagt H. Schwedt aber es passte zunehmend weniger in die ästhetische und pädagogische Vorstellungswelt einer bürgerlichen Gesellschaft. ... Und noch etwas schon seit dem ersten Drittel des Jahrhunderts hatte sich nicht zuletzt unter dem Eindruck romantischer Ideen und frühen volkskundlichen Wirkens ein Bild von richtigen Bräuchen entwickelt und diese richtigen Bräuche hatten schön zu sein und wo es um Kinder ging pädagogisch wertvoll. Die Erwachsenen nehmen das Martinsfest selbst in die Hand. Man hat fast den Eindruck als wenn die Kinder hier um einer schönen Brauchinszenierung willen zu netten Statisten werden. Der Schwung eigener Initiative lässt sich weniger entdecken. Im Kunstunterricht bekommen die Kinder die Aufgabe Fackeln für den Martinszug zu basteln. Der Zug selbst wird zum Pflichtereignis bei dem viele Schülerinnen und Schüler nur murrend mitgehen wenn sie sich schon nicht drücken können. Erinnerung an Bräuche der Kinderzeit Bräuche können eine Schule sein Pädagogische und didaktische berlegungen zum Unterrichtsthema Bräuche Die folgende Auflistung einiger didaktisch methodischer Ansätze kann für die schulische Praxis Anstöße geben sich mit Bräuchen im Unterricht näher zu beschäftigen. Die Schülerinnen und Schüler können in vielfältiger Weise motiviert werden beim Thema Bräuche selbst aktiv zu sein von sich aus und gemeinsam zu handeln. Sie sollten jedoch auch angeleitet werden Bräuche selbst zu erleben zu sehen und zu entdecken damit sie das Innenleben von Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 Beide Bräuche sind auch wenn man so will ähnlich wie der neu belebte Sternensingerbrauch pädagogisch überformt worden. Sie wurden pädagogisiert ästhetisiert und domestiziert. Der Volkskundler H. Schwedt hat diese pädagogische Brauchwandlung sehr anschaulich am Beispiel des Martinsfestes erklärt. Die Pädagogisierung geschieht aus dem Geist des bürgerlichen 19. Jahrhunderts. Ehedem war St. Martin ein übles Sauf und Rauffest. Kaum anderswo äußert sich die wüste Stimmung der Martinsnacht so drastisch wie in einer Märe des Strickers eines populären fah Ein ganz anderes Bild von Brauchaktivitäten der Kinder zeichnet ein gewisser Ferdinand Stausberg. Dessen Kindheitserinnerungen lassen weniger sthetik als 9 Thema Brauchtum Freiheit und unbändige Freude beim Erleben der Festereignisse spüren. Als Kontrast ziehe ich sie heran. Seine Kindheit erlebt Stausberg in den 1870er Jahren in Oberwinter am Rhein einem kleinen Ort etwas südlich von Bonn. Er stammt aus einfachsten Verhältnissen keine bequeme Existenz und doch schildert er seine Kinderzeit als ein Leben voll wunderbarer Tage als er sich über 40 Jahre später hinsetzt um seine Erinnerung aufzuschreiben. Wir Kinder hatten Abwechslung genug sagt Ferdinand Stausberg wenn es auch nicht gerade Kirmes war. Das ist der Punkt Trotz aller Abwechslung die die Kinder von Oberwinter das Jahr hindurch erleben sind Kirmes und die anderen Brauchereignisse im Jahreslauf für die Kinder so bedeutsam dass sie in den Erinnerungen Ferdinand Stausbergs einen ganz besonderen Rang einnehmen. Da ist die St. Laurentius Kirmes ein Fest wo die Jugend sich das ganze Jahr drauf freute. Vom Appollinarisfest und vom Jakobsmarkt in Remagen wandern die Oberwinterer fröhlich heimwärts. Das Herz hüpft ihm vor Freude wenn der kleine Ferdinand das Fähndelschwenken erlebt und die eigenartig schöne Weise welche zum Fahnenschwenken gespielt wurde Auch die Fastnachtszeit feierten wir Jungen in ausgelassenster Weise. Der Höhepunkt unserer Freuden war das Märtesfeuer am Vorabend von St. Martin ... Und weiter Jubelnd umsprangen wir das Feuer. Im Grunde zehrt Ferdinand Stausberg sein ganzes Leben von der Faszination der Brauchereignisse der Kinderzeit. Der Gedanke daran macht ihn froh. Ich habe bei der Arbeit mit alten Menschen von denen manchen das Sprechen schwer fiel erlebt welches Leuchten welche Wärme welche Gefühlsfarben des Wohlbefindens aufkommen konnten wenn sie sich daran erinnerten wie sie bei den Bräuchen ihrer Kindheit voller Freude mitgemacht hatten. Ihr Leben lang hatten sie diese Bilder des Mitmachens in der Gemeinschaft und erster Selbstpräsentation in der ffentlichkeit nicht losgelassen wenn sie sich an Fastnacht an Schützenfeste oder an Maifeste erinnerten. Das sind Eindrücke die sie nie vergessen haben Das wissen wir noch gut das haben wir ja alles mitgemacht. Drei Thesen für eine Brauchpädagogik Man kann jetzt natürlich einwenden Was interessiert uns wie Ferdinand Stausberg vor über 140 Jahren in dem kleinen Ort Oberwinter Kirmes feiert oder beim St. Martinsfest mitmacht. Mit unserer Lebenswelt hat das nichts mehr zu tun. Unsere Kinder leben heute unter völlig anderen Bedingungen. Haben sie nicht Tag für Tag genug Termine Events Fernsehen Computer und ich weiß nicht was Werden sie nicht Tag für Tag von allzu vielen Reizen überschüttet Diesen Argumenten lässt sich nur schwer widersprechen. Und doch Unsere eigene Zeit ist nicht völlig losgelöst von allen anderen Zeiten. Wir stehen nicht völlig unbekümmert gegenüber dem Vergangenen. Wir haben unser Erbe. Wir sehen eine Welt voller gegebener Bräuche und Traditionen. Ohne sie könnten wir und unsere Kinder nicht leben. Was Ferdinand Stausberg schildert sind Urbilder zusammenhängende Muster wie Kinder mit Bräuchen umgehen wie sie Bräuche erleben und was sie ihnen ihr Leben lang bedeuten können. Es scheint mir deshalb sinnvoll drei Punkte aus diesem Exempel für die Maßstäbe einer aktuellen Brauchdidaktik herauszuziehen 1. Bräuche sind für Kinder immer noch Höhepunkte im Lauf des Jahres. Bräuche machen Kindern heute noch genauso viel Freude wie früher. Bräuche können in ihrer Regelhaftigkeit und dem strukturierten Ablauf der Rituale gerade auch für Kinder Ordnungen stiften die Identität entwickeln und Hoffnungen entstehen lassen mit dieser Welt voller verwirrender Widersprüche fertig zu werden. 2. Entscheidend ist dass die Kinder und Jugendlichen die Bräuche nicht passiv konsumieren sondern dass sie mitmachen dass sie die Freude erleben Festtage mit vorzubereiten und aktiv mitzugestalten auch wenn dabei Wildwuchs zum Vorschein kommt und nicht alles glatt läuft. 3. Die Traditions und Vermittlungswege der Bräuche sind heute anders als früher. Die bernahme der Brauchelemente durch einfache Nachahmung der lteren geht so nicht mehr wie im 19. Jahrhundert. Heute brauchen wir auch im Interesse der Kinder und Jugendlichen Vermittlungsinstitutionen die die Bräuche tragen und weitergeben. Auch den Schulen kommt dabei eine wichtige Funktion zu. Zudem kann die Institution Schule wenn sie die Grundprinzipien der Aktivitätspädagogik und der Lebensnähe im Unterricht ernst nimmt bei einer alltagsbezogenen Didaktik auf Bräuche nicht verzichten die im Zentrum unserer Alltagskultur stehen. Auch heute Bräuche ein Grundbedürfnis der Kinder und Jugendlichen Hermann Bohn ein verdienstvoller lokaler Brauchforscher aus Morbach Hunsrück schätzt das Interesse der Kinder und Jugendlichen heute am Brauchgeschehen teilzunehmen als eher gering ein Althergebrachte Bräuche hatten einen festen Platz in unserer Gesellschaft und wurden ganz einfach gelebt. Ich fand sie immer wieder schön und sinnvoll. Gelebtes Brauchtum bildet Traditionen und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Dorfgemeinschaft. Heute erleben Kinder und Jugendliche viele Bräuche und Gewohnheiten nicht mehr unmittelbar sondern sie empfinden die Einhaltung von Bräuchen als überholt oder gar Zwang Bohn 2007 . Dahin mag es kommen wenn an den Bräuchen zu viel herumpädagogisiert und kanalisiert wird und die spontane Freude und Ausgelassenheit die Freiheit zum Aktivsein wie sie Ferdinand Stausberg erlebt auf der Strecke bleiben. Es kann eine Barriere sein die Qualität althergebracht zu sehr herauszustellen und den Wandel und damit die veränderten Bedürfnisse zu wenig zu würdigen. Es kann ein Problem sein Brauchtum und Gesittung in einem Atemzug zu nennen wie das früher in pädagogischen Zusammenhängen eines erziehenden Unterrichts vorkommen konnte. Nicht nur die Terminologie ist uns heute völlig fremd geworden. Die Selbstverständlichkeit ungebrochener Traditionen hat vielleicht Risse bekommen. Aber die Feierfreude und die Festkreativität der jungen Leute sind aktuell sehr ausgeprägt wie sich jedenfalls im Rheinland empirisch überzeugend nachweisen ließ. Sie haben noch einen Bezug zu Brauchtraditionen doch sie betonen auch wie sehr Traditionen die Offenheit für Veränderungen hemmen können. Ich sehe das Grundbedürfnis der Kinder und Jugendlichen Bräuche zu erleben und Feste zu feiern sehr positiv wenn es denn Ereignisse sind die dem Lebensgefühl junger Leute des 21. Jahrhunderts Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 10 Brauchtum Thema entsprechen. Ein Abi Gag oder eine Halloween Fete wird dem Lebensgefühl näher kommen als das Strohhalm Legen zur Adventszeit. Beispiele für kreativen Umgang mit Bräuchen im Unterricht Was kann in der Schulpraxis konkret geschehen um das lebenswichtige Thema Bräuche für die Schülerinnen und Schüler aufzuschließen und Wert und Funktion von Bräuchen verstehbar zu machen ber Braucherfahrungen und wissen verfügen alle Schülerinnen und Schüler. Die beste methodisch didaktische Empfehlung kann da nur heißen dass sie in jeder Hinsicht aktiv werden sollen. Sie kommen aus der Statistenund Konsumentenrolle heraus und übernehmen in freier Initiative selbst das Handeln. Sie bringen ihre Sichtweise der Bräuche ein. Erlebnisorientierung ist da ein wichtiger Fixpunkt. Bräuche selbst gestalten Art gibt es genug. Es könnte ein glanzvolles Silvester oder Neujahrs Event sein eine närrische satirische Karnevalssitzung ein verrücktes Fest zum 1. April Verkehrte Welt Motive oder eine Erntedank Veranstaltung um den Wert und die Einmaligkeit der Schöpfung zu feiern und die Verletzlichkeit unserer irdischen Ressourcen sinnfällig zu machen. Bräuche haben vielfach dazu gedient oder dienen noch dazu komplexe Inhalte etwa Pfingstgeschehen auf sehr anschauliche und spielerische Weise verständlich zu machen. Brauchforschung Die Schülerinnen und Schüler können eigenverantwortlich und in eigener Regie Bräuche die ihnen am Herzen liegen und in ihre mentale Welt passen mit einem klar definierten Ziel vor Augen gestalten eigene vielleicht neue Ausdrucksformen ausprobieren aber ihr Handeln sollten sie durchaus auch protokollieren und dadurch reflektieren. Die Anlage eines Brauch Tagebuchs oder Brauch Drehbuchs oder BrauchLibrettos das mit ganz persönlichen Impressionen und mit eigenen Bilddokumenten angereichert wird kann die Reflexion des Events und der Festorganisation ein Stück weiterbringen. Schöne Themen für eine Aktion dieser Die Schülerinnen und Schüler können sich auch als junge Brauchforscher versuchen um den existenziellen Wert von Bräuchen zu begreifen. Das ist schon in der Sekundarstufe I ohne weiteres denkbar. Eigene Begegnungen mit der Realität gemeinschaftlichen Feierns eigene Entdeckungen schaffen ein viel intensiveres Bewusstsein für Bedeutung und Besonderheiten von Bräuchen aus dem Nahbereich auf den es vor allen Dingen ankommt. Hier sind auch erste eigenständige Untersuchungen selbst neue Erkenntnisse am ehesten möglich. Es lassen sich natürlich auch sehr spezielle überschaubare Themen vorstellen. Vielleicht Welche charakteristischen Pflanzen Bäume Blumen Kräuter kommen in unseren lokalen regionalen Bräuchen vor Welche Funktion haben die Pflanzen bei unterschiedlichen Brauchanlässen Valentinstag Maibräuche Fronleichnam Kräuterweihe am 15. August Barbaratag usw. Oder es geht darum besondere Brauchspeisen auszumachen und eine Esskul tur der Bräuche zu dokumentieren vielleicht auch zu erproben. Es gibt beispielsweise kleine Hefekranzkuchen als Neujährchen Muuzen als Fastnachtsgebäck es gibt traditionelle Kirmeskuchen oder Weckmänner Stutenkerle oder wie sie heißen an Nikolaus. Es gibt ungezählte auch ganz junge Spezialitätenfeste Kirmessen Märkte usw. die örtlichen oder landschaftlichen Feldfrüchten Speisen und Gebäcken gewidmet sind Birnenmus Maubich Eierschmier Kartoffeln Krombiirebrotschesdaach Kartoffelbrattag auf dem Hunsrück Reibekuchen Kappes Appeltaate Apfelkuchen nur einige Beispiele will ich hier nennen. Sie mögen für fremde Ohren merkwürdig exotisch klingen aber sie sagen viel über örtliche Identität. Brauchquiz Die Schülerinnen und Schüler können die Ergebnisse ihrer Erkundungen in einer von ihnen konzipierten BrauchquizVeranstaltung präsentieren. Das bedeutet hohen Arbeitsaufwand aber das Format ist einerseits aktuell und sehr beliebt und es bietet andererseits eine sehr attraktive unterhaltsame Art der Wissensvermittlung. Quellensammlung regionaler Bräuche Das Zentrum aller Auseinandersetzung mit den Bräuchen und der darauf zielenden Schüleraktivitäten ist der kundige Umgang mit den unterschiedlichen Quellen regionaler und lokaler Brauchereignisse. Die Bandbreite der Brauchquellen ist gewaltig. Aber viele erschließen sich ohne Probleme für Schüler der Sekundarstufe I. Am Anfang stehen die eigenen subjektiven Erfahrungen mit Festen und örtlichen Traditionen. Die eigenen Eindrücke und Erlebnisse können schon sehr aufschlussreich sein. Um Kontinuität und Wandel von Bräuchen zu erkunden lohnt es sich sehr Zeitzeugen aus der Eltern und Großelterngeneration zu interviewen und die akustischen oder schriftlichen Aufzeichnungen mit dem eigenen Erleben zu vergleichen. So lässt sich je nachdem eine klare Brauchveränderung erkennen. Es kann sich anbieten versierte Brauchakteure selbst zu befragen z. B. Beierleute sie schlagen bei bestimmten Festen die Glocken in einem besonderen Rhythmus an bei ihrem Glockenbrauch im Kirchturm aufzunehmen. Eine Schule die junge Menschen in das Leben einführt Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 11 Thema Brauchtum Die Printmedien genauso wie die audiovisuellen Medien berichten inzwischen erstaunlich viel über Alltagskultur insbesondere auch über Brauchereignisse. Während der Wochen und Monate der Karnevalssession ist Fastnacht ein absolutes Spitzenthema lokaler regionaler Blätter und Sender. Deshalb lohnt es sich sehr Medienberichte zu entdecken zu sammeln und auszuwerten. Welche Ereignisse stehen im Vordergrund Was feiern die Menschen in unserem Ort und wie feiern sie ber welche Brauchformen wird berichtet Mit welcher Tendenz oder wie kritisch wird kommentiert Spielen auch neue Bräuche von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen bei uns eine Rolle Welche Brauchereignisse oder Brauchträger werden über die Medien besonders unterstützt Gibt es Hinweise auf unsere regionalen Bräuche im Internet Durch gezielte Recherche im Internet entdecken die Schüler auch bisher unbekannte Brauchtermine und Brauchträger in ihrem Ort. Aber auch Prospekte Flyer usw. von Touristikverbänden oder Fremdenverkehrsämtern von der Wirtschaftsförderung charakterisieren über Bräuche und Festtermine das Image und die Traditionen eines Ortes einer Region. Auf welche Bräuche kommt es ihnen an Wie stellen sie die Bräuche dar Gäbe es nicht Bräuche mit denen die Lebensart eines Ortes viel besser charakterisiert werden könnte Wie könnte eine an Bräuchen festgemachte Imagekampagne für einen Ort aussehen Daraus lässt sich ein ausgesprochen ergiebiges und kreatives Unterrichtsprojekt entwickeln. Das gilt genauso für den ganzen Komplex der kommerziellen Werbung. Man muss nur an Weihnachten denken Welche Werbekampagnen starten Firmen zu welchen Brauchterminen im Jahr Wie werden hier Bräuche vermarktet Welche Brauchsymbole kommen in den Blick Welche Medien kommen zum Zuge Die Schüler können Bild und Textaussagen in den unterschiedlichen Werbemedien Zeitungsannonce Prospekt TV Werbespot Plakat usw. auswerten und vergleichen. Selbst Comics oder auch Cartoons verraten mancherlei über Bräuche. Auch Donald Duck SpongeBob die Simpsons oder Wendy feiern Weihnachten Halloween oder irgendein anderes Fest. Eifrig nehmen sie Geschenktermine wahr. Welche Rituale kennen sie Was ist anders als bei uns Es gibt moderne Weihnachtspostkarten die manches über Einstellungsveränderungen zum Fest vermitteln. Wie wird das Fest gesehen Gibt es Karten dieser Art zu anderen Festen Eine Sammlung mit alten und aktuellen Karten ließe sich anlegen um im Vergleich die Unterschiede etwa in der Festsymbolik oder in der Bewertung des Festes herauszuarbeiten. Um sich detaillierter und tiefgründiger mit örtlichen Bräuchen zu befassen um Hintergründe und historische Zusammenhänge kennenzulernen kann man Ortschroniken Lebens und Kindheitserinnerungen Heimatkalender oder Kreis Jahrbücher aber dann auch Amateurfilme oder professionelle volkskundliche Filme als profunde Quellen einbeziehen und je nach didaktischem Ansatz nutzen. Film oder Fotoprojekt stoßen. Das können ganz alltägliche leicht erreichbare Dinge sein die aber eine Menge erzählen können ein Birkenzweig ein gefärbtes Ei eine Holzklapper ein rotes Band eine Narrenkappe. Das Projekt will natürlich nicht mit dem örtlichen Stadt oder Heimatmuseum konkurrieren. Aber das Museum kann als Kooperationspartner und Anreger möglicherweise über die Museumspädagogik sehr gut in der Sache weiterhelfen. hnlich können regionale Freilichtmuseen hilfreiche kompetente Partner sein. Vielleicht lässt sich ein Brauch Dokumentationsprojekt mit einem der museumspädagogischen Angebote der Freilichtmuseen etwa Schüler wohnen im Museum kombinieren. Literatur Bohn H. Zwischen Neujährchen und Johanneswein. Erfurt 2007 Dafft G. Krieger M. Hrsg. Mirabilis. Kreatives Event Management auf Rheinisch. Köln 2007 Döring A. Rheinische Bräuche durch das Jahr. Köln 2007 Frier E. Die Roten Funken machen Geschichte. In Hunold H. G. Drewes W. Euler Schmidt M. Hrsg. Vom Stadtsoldaten zum Roten Funken. Köln. 2005 S. 315 322 Jeggle U. Sitte und Brauch in der Schweiz. In Handbuch der schweizerischen Volkskultur. Band 2. Zürich 1992 S. 603 628 Krieger M. Rheinisches Schützenwesen und regionale Identität. Vervielfältigtes Typoskript. Bonn 2006 Mezger W. Vom Kirchenmann zum Kassenschlager. In Döring A. Hrsg. Faszination Nikolaus. Essen 2001 S. 11 41 Mezger W. Kölle alaaf hinter Glas und Vitrinen. In wir im rheinland. Magazin für Sprache und Alltagskultur 2 2006 S. 59 68 Schwedt H. St. Martin Ein reformierter Brauch In Volkskultur an Rhein und Maas 1 1992 S. 9 18 Stausberg F. Erinnerungen an meine Jugendzeit. Breyell 1917. Typoskript der Transkription der Handschrift als Buch hrsg. vom Rathausverein Oberwinter 2006 unter dem Titel F. S. Eine Kindheit in Oberwinter. Filme können vielleicht als Anregung gesehen werden ein eigenes kleines Filmprojekt zu beginnen oder wenigstens eine Fotoserie zu produzieren die die schönsten Feste und Festtage im Ort dokumentiert. Kleine Erläuterungen erschließen das Geschehen auf den Fotos. So entsteht ein lokales Brauchbuch oder sogar eine Ausstellung die die Bedeutung und Farbigkeit der Feste im eigenen Ort ausdrücken kann. Sie wird sichtbar machen wie viele Menschen sich von den Festen und Traditionen angezogen fühlen und in welcher Weise sie am Geschehen Anteil haben. Die Fotodokumentation lässt sich auf eine sehr lehrreiche Weise ausweiten und ergänzen wenn die Schülerinnen die Aufgabe angehen ältere Fotos zu sammeln. Der Kontrast des Früheren und des Aktuellen ist wirklich ergiebig. Der Vergleich macht Traditionsbezüge aber auch Veränderungsstufen durch die Jahrzehnte greifbar. Brauchmuseum Einmünden könnte der dokumentarische Ansatz in ein mehrdimensionales Projekt ein eigenes kleines Brauchmuseum. Das Museum muss nichts anderes sein als das Zusammentragen Ordnen und Beschreiben Inventarisieren von Gegenständen und Dokumenten auf die die Schülerinnen und Schüler selber Dr. Fritz Langensiepen Ehem. Leiter des LRV Amtes für Rheinische Landeskunde An den vier Winden 4 50996 Köln 12 Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 Klasse 5 Klasse 6 Klasse 7 Klasse 8 Klasse 9 Klasse 10 Ethik Philosophie Politik Sozialkunde Wirtschaft Primarstufe Sekundarstufe Oldenbourg Klick Feste Projekt Weihnachten Advent Nikolaus Jahreszeiten Begriffe Ostern Gemeinschaft Kommerzialisierung Vorhaben Sachinformation Brauchtum Feiern Jahreskreis Jahreswechsel Jahreslauf Pfingsten emotionale Prozesse emotionale Aspekte Medienereignisse gesellschaftliche Aspekte Muttertag Primarstufe Sekundarstufe Klasse 8 Klasse 6 Klasse 5 Klasse 7 Klasse 9 Klasse 10 Wirtschaft Politik Ethik Philosophie Fachunabhängig Sozialkunde
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Bräuche neu entdecken Warum Bräuche für uns wichtig sind Dieser Praxis und Theoriebeitrag bietet viele Informationen zum Thema Brauchtum und gibt Anregungen für den Unterricht. Bräuche gehören durch ihre Traditionen und ihre regelmäßige Wiederkehr zu den vertrauten und gewohnten Erscheinungen in unserem Leben die uns Halt geben. Auf der anderen Seite sind sie etwas aufregend Einmaliges das aus dem gewöhnlichen Trott ausbricht. br br Weitere Informationen und Materialien finden sie unter a href http www.oldenbourg klick.de www.oldenbourg klick.de a br Weitere Informationen zu diesem Beitrag finden Sie hier a href http www.oldenbourg klick.de archiv downloads view artikel download artikelnummer smz20081005 Bräuche neu entdecken a Braeuche neu entdecken smz20081005 Brauchtum Thema Bräuche neu entdecken Warum Bräuche für uns wichtig sind Bräuche sind Teil einer Magie des Alltags Einerseits gehören sie durch ihre Traditionen und durch den wohltuenden Rhythmus ihrer regelmäßigen Wiederkehr zu den vertrauten und gewohnten Erscheinungen in unserem Leben die uns Halt geben. Auf der anderen Seite sind sie im trägen Dahinfließen alltäglicher Gegebenheiten etwas aufregend Einmaliges das aus dem gewöhnlichen Trott ausbricht. Von dort aus lassen sich Bräuche in ihrem Wesen in ihrer Erscheinung und in ihrer Funktion recht genau bestimmen Es geht in ihnen immer auch bei allen Wandlungen denen Bräuche unterliegen um das Aktivsein in einer Gemeinschaft. Fritz Langensiepen Kein Leben ohne Bräuche Es gibt wenig was eine so elementare Bedeutung im alltäglichen Dasein der Menschen hat wie ihre Bräuche. Mit größter Selbstverständlichkeit und Vertrautheit sind sie vorhanden gehören sie zum Inventar der menschlichen Grundbedürfnisse. Ja versierte Kulturforscher haben keine Probleme Bräuche als so lebensnotwendig anzusehen wie die leibliche Stärkung durch Essen und Trinken Döring 2007 . Kein Mensch kommt ohne Bräuche durchs Leben von der ersten Stunde seines Daseins bis hin zu seiner Bestattung ja eigentlich noch darüber hinaus wenn man sich die Bräuche des Totengedenkens Allerheiligen Allerseelen vergegenwärtigt. Feste und Feiern von besonderer Bedeutung begleiten ihn in schöner Wiederkehr durch die Jahre. Freude und Trauer lichte und dunkle Lebensmomente werden in Bräuchen begangen gefeiert verarbeitet herausgehoben. Bräuche und die Magie des Alltags lichen Alltag lässt sich am besten als Magie des Alltags verstehen. Bräuche sind Teil der Magie des Alltags. Einerseits gehören sie durch ihre Traditionen und durch den wohltuenden Rhythmus ihrer regelmäßigen Wiederkehr zu den vertrauten und gewohnten Erscheinungen in unserem Leben die uns Halt geben. Auf der anderen Seite aber sind sie im trägen Dahinfließen alltäglicher Gegebenheiten doch wieder etwas aufregend Einmaliges das aus dem gewöhnlichen Trott ausbricht. In der besonderen Sphäre eines Festes liegt etwas von der wunderbaren Stimmung die den Alltag auf einmal hell erstrahlen lässt. Wenn jeden Tag Weihnachten wäre dann wäre es ja gar nichts Besonderes mehr hört man die Menschen sagen. Oder sie sagen Das ist ja wie Weihnachten und Ostern auf einen Tag um ein großartiges Ereignis zu charakterisieren. Am Festtag können sie ohne weiteres ihre gewohnte Alltagsrolle hinter sich lassen und in eine prächtige Robe in ein schillerndes Kostüm in eine fantastische Rolle schlüpfen und als Prinz Karneval als Schützenhauptmann als Maikönigin oder als bunter Clown etwas Besonderes oder etwas Verrücktes darstellen was man im Alltag nicht sein kann. Die Verwandlung gehört zur eigentlichen Natur der Menschen. In den Bräuchen wird die unauflösbare Magie des Alltags auf eine sehr nachdrückliche Wenn es etwas gibt was unser Bild des Alltags auf eine faszinierende Weise beleuchtet so ist es dieses merkwürdige Verhältnis der vertrauten Normalität zum Herausgehoben Exklusiven. Der Alltag gibt uns die Sicherheit die wir zum Leben unbedingt brauchen wenn dieses Leben in bekannten Bahnen und in einem gewohnten Rhythmus abläuft. Das Vertraute kann wirklich ein Segen sein. Ohne die zusammenhängenden Muster des vertrauten Alltags könnte kein Mensch leben. Aber der Alltag ist auch eine sehr komplexe lebendige Umgebung. Die Komplexität von Vertrautem und Exklusivem das Vorhandensein des Besonderen im gewöhnSchulmagazin 5 bis 10 10 2008 Bräuche sind Massenereignisse 5 Thema Brauchtum Weise sichtbar. Das Gewohnte stellt sich als das Besondere heraus und das Besondere ist schon im Gewohnten angelegt. Bestimmte Termine sagt der Schweizer Kulturwissenschaftler Utz Jeggle sind der Anlass für einen in Regelmäßigkeit und vorgegebenen Formen praktizierten Ausnahmezustand. ... Der Brauchtermin gestattet alle möglichen Grenzüberschreitungen die sich uns als Sehnsucht der ordentlich geregelten Welt tagweise zu entkommen offenbart. Ordnung der Bräuche etwa aus dem Festkreis um Weihnachten die in einen familiären Rahmen gehören. In der Adventszeit durften artige Kinder kleine Strohhalme in eine Miniaturkrippe legen. An Weihnachten wird an manchen Orten die festliche Tafel mit drei feinen weißen Tischdecken übereinander versehen die die heilige Dreifaltigkeit symbolisieren sollen. Solchen Bräuchen eignet der stille familiäre Rahmen. Aber das ist beileibe nicht die Mehrzahl. Ganz anders die lärmenden Maskenumzüge die Schützenparaden das Spektakel des Straßenkarnevals mit der dicken Trumm Autokorsos bei Sportevents Martinszüge Osterfeuer Pfingstumritte feierliche Prozessionen das Aufstellen des Maibaums Weihnachtsmärkte Kirmestanz Böllerschießen usw. die alle Massenereignisse sind die eine große ffentlichkeit und eine große Dichte erreichen. ber eine Million Menschen feiert am Zugweg oder Ganz Köln schunkelt im Sonnenschein springt uns in fetten Balken schon auf der Titelseite unserer Zeitung an. So artikulieren sich die unglaubliche Dimension die unschlagbare Attraktivität und die suggestive Wirkung heutiger Massenereignisse. Selbst früher bescheidene stille Lichterbräuche in der dunklen Adventszeit werden heute zur Riesenshow an privaten Wohnungen mit einem schier grenzenlosen Aufwand grellfarbiger Lichterketten und bizarrster Leuchtfiguren mit dem angesagten Ziel sich der ffent lichkeit noch aufdringlicher zu präsentieren als alle anderen Häuser im Viertel. Emotionen und Leidenschaften bilden den Urgrund und ersten Anlass all dieser Feste und Massenereignisse. Aber das entlädt sich in den Bräuchen nicht einfach ungezügelt. Bräuche haben immer die Tendenz dem Miteinander eine feste Ordnung zu geben. Was in den Bräuchen stattfindet ist auch schon bei schlichteren Ausprägungen eine sthetisierung des Geschehens. Die Abläufe innerhalb des Brauchgeschehens bekommen durch geregelte Formen ihren neuen ästhetischen Wert. Brauchdefinition Bräuche sind herausgehobene Zeichen unterschiedlichster aber immer besonderer Daseinsäußerungen das ganze Leben hindurch Lebensbräuche oder das Jahr hindurch als feststehende jährlich wiederkehrende Fest Schenk oder Gedenktermine Jahresbräuche . Bräuche bestimmen einzelne Zeitabschnitte das Jahr hindurch. Wir denken bei der zeitlichen Ordnung des Jahres geradezu in Bräuchen. Wir sprechen von der Osterzeit der Weihnachtszeit der Fastenzeit. Karneval hat für viele Menschen eine derart unwiderstehliche Anziehung dass sie ihm eine eigene Jahreszeit zurechnen Fastnacht wird zur fünften Jahreszeit erhoben. Diese Ordnung der Zeit regelt viele gemeinsame Aktivitäten der Menschen. Unter den gemeinsamen Brauchzeiten schließen sie sich eigentlich zu Identitäten zusammen. Die Zeitrechnung der Bräuche durch das Jahr drückt präzise aus was die Menschen sich am meisten wünschen. Die Wiederkehr der Festtage deren Namen und Brauchformen den Menschen sehr bewusst sind gibt ihnen Sicherheit. Bräuche sind Massenereignisse Um das Verständnis von Bräuchen auf einen Nenner zu bringen lässt sich nach allen bisher angestellten berlegungen Folgendes festhalten 1. Es geht bei Jahres Bräuchen vor allem und dem ursprünglichen Wortsinn nach um Gewohntes und Herkommen um historische Konstanz. Es geht um regelmäßig wiederkehrende Ereignisse zu bestimmten Terminen. Bräuche werden durch Tradition begründet. 2. Als kollektive und öffentliche Ereignisse haben Bräuche eine starke gesellschaftliche Komponente. Sie schaffen Identitäten durch gemeinschaftliche Aktivitäten. 3. Bräuche haben ihren Sinn und ihre Funktion. Sie heben etwa den bergang in eine neue Lebensphase festlich Die Gesellschaft will und kann auf besondere und festliche Gemeinschaftsereignisse nicht verzichten. Die Art und Weise Feste zu feiern stärkt das Gefühl von Einheit und Gleichheit prägt eine Gesellschaft und gibt ihr einen Zusammenhang. Bräuche haben ihre große gesellschaftliche Bedeutung. Sie verlangen auch immer nach ffentlichkeit. Sie sind das hervorragende und gesuchte Forum sich zu präsentieren und mit besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen zu werden. ffentliche Anerkennung ist sicher eines der großen Motive die Mühen und den Aufwand der Brauchausübung auf sich zu nehmen. Es mag intime Brauchformen geben Bräuche sind Gemeinschaftserlebnisse 6 Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 Brauchtum Thema hervor z. B. Konfirmation Hochzeit oder feiern den Beginn oder das Ende einer Phase im Jahreslauf z. B. Neujahr Erntedank oder begehen festlich das Andenken großartiger Gestalten Ereignisse und Ideen oder geben ganz einfach der Lebensfreude am Feiern ihren freien Lauf. 4. Bräuche haben ihre prägnanten und charakteristischen Ausdrucksformen. Der Martinsbrauch z. B. wird mit Umzug Verkleidung Heischen von Gaben mit Feuer Lichtern und Liedern begangen. Solcherart Ausdrucksformen kommen in anderer Zusammensetzung und Gewichtung bei den anderen Bräuchen vor. 5. Bräuche finden nicht ohne weiteres anonym und kaum spontan statt. Ihre Durchführung und Tradierung verlangt das Engagement von Brauchträgern. Um Bräuche zu gestalten und Bräuche weiterzugeben müssen und wollen sich Menschen in den unterschiedlichsten Vereinigungen und Institutionen dafür engagieren. Brauchträger können Vereine Bruderschaften Nachbarschaften Gesellschaften Verbände aber auch z. B. Schulen Kindergärten Kirchen oder Freiwillige Feuerwehren sein. Es ist schon erstaunlich wie viel Zeit und Kraft viele Menschen ehrenamtlich einbringen um bei Bräuchen mitzuwirken. Aber der Gewinn ihrer Mühen und Investitionen ist beträchtlich berwindung des grauen Alltags Erlebnis der Gemeinschaft Freude beim Feiern öffentliche Anerkennung gestärkter Selbstwert sicheres Gefühl wachsender Identität usw. Das alles ist ein kostbares Gut ist ein Gegengewicht zu unserer mehr und mehr globalisierten Epoche mit all ihren Unwägbarkeiten Anonymisierungen und mentalen Destabilisierungen. Aktiv sein in einer Gemeinschaft der Kern des Brauchlebens sen hinausweisenden Grundmuster auf um die Vorteile jeglichen Brauchengagements verstehen zu lernen. Das Auffallendste in den Einstellungen junger Schützenbrüder zu ihrem Brauchgeschehen ist das Mitmachen . Aktiv zu sein in einer Gemeinschaft wird man ganz allgemein als Kern des Brauchlebens in unserer Zeit begreifen können. Mitmachen ist aber nur aus seinem engeren untrennbaren Bezug zu Inhalten wie Gemeinschaft Spaß und Stolz zu verstehen. Mitmachen bedingt erfordert und stärkt Gemeinschaft Spaß und Stolz. Gemeinschaft Spaß und Stolz sind die großen Antreiber dass Menschen bei Bräuchen mitmachen aktiv dabei sind und sich gerne engagieren. Mit signalisiert das Gemeinsame die Gleichgestimmtheit der Aktion geradezu die familiären Bezüge der Geborgenheit und des Wohlfühlens. Machen betont die Aktivität das Anpacken die Lebendigkeit und Dynamik. Bräuche verlangen gemeinschaftliches Handeln etwa das gemeinsame Feiern damit die Menschen ihre Freude daran finden und mitnehmen. Das Mitmachen stärkt die Gemeinschaft. In der Gemeinschaft erleben die jungen Schützen jede Menge Spaß. Spaß wiederum motiviert zum Mitmachen. Wenn wir zur positiv eingeschätzten Gemeinschaft dazugehören dann erfüllt uns das mit Stolz. ffentliche Selbstdarstellung schmückten Maibäumen gewaltigen Eierkronen in der Bewegung der Fahnen in weithin wahrnehmbaren Feuern und Feuerwerken in bunten Blumenteppichen und Girlanden umwundenen Ehrenporten. Im Stolz des Präsentierens liegt immer die auffallende Tendenz den gewöhnlichen Alltag hinter sich zu lassen manchmal geradezu das Nächste zu vermeiden die allzu vertraute überbestimmte Lebenssituation zu fliehen und auf den Glanz des Exklusiven und der großen festlichen Gesten loszugehen das Reservoir ungestillter Verwandlungslust von Herzen auszuschöpfen. Beim Präsentieren geht es darum sich hervorzutun auch besser sein zu wollen als andere sich dem Wettkampf zu stellen vergleichbar dem festlichen Turnier früherer Zeiten. Wer wird dieses Jahr Schützenkönig Maikönigin Hahnenkönig Wer gewinnt an Ostern beim Eierkippen Wer hat das schönste Martinsfeuer über dem Fluss in Brand gesetzt Das Spiel die Leichtigkeit jenseits der alltäglichen Belastungen ist eine wichtige Handlungsform des Feierns an Festtagen. Viele Bräuche heißen auch Spiel Fahnenspiel Hötschelspiel Jungenspiel usw. Ankerfunktion der Bräuche Es mag von Nutzen sein den Gedanken vom mentalen Vorteil des Brauchgeschehens und der Brauchaktivitäten am Beispiel des niederrheinischen Schützenwesens offen zu legen. M. Krieger hat im Rahmen eines Forschungsprojektes des Bonner Amtes für rheinische Landeskunde 2006 eine grundlegende empirische Untersuchung zu den Einstellungen junger Schützenbrüder zu ihrem Brauch vorgelegt. Die Ergebnisse der Studie decken die über das SchützenweSchulmagazin 5 bis 10 10 2008 Zu dem Wirkungskomplex Mitmachen und Stolz tritt noch der inhaltliche Aspekt Präsentieren als eine Konkretisierung des Aktivseins bei Bräuchen hinzu. Man stellt sich voller Stolz in der ffentlichkeit dar zeigt sich im besten Licht. Die Identifikation mit der Gemeinschaft befördert das Bedürfnis sich selbst darzustellen. Der Wirkungskreis Mitmachen Präsentieren Stolz lässt sich in vielen Brauchzusammenhängen entdecken ohnehin im rheinischen Karneval mit dem Glanz der Uniformen und den großen Umzügen aber beispielsweise auch in den Maibräuchen an Fronleichnam bei den Erntedank und Winzerfesten bei Trachtenfesten im Dreikönigsbrauch. Stolzes Präsentieren wird in den verschiedensten Ausdrucksformen sichtbar in auffälliger Kostümierung bunt ge Den engen Alltagsbezügen entfliehen in den Bräuchen das Besondere erleben das Brauchgeschehen ist Teil einer komplexen immer verwirrenderen immer anonymeren Wirklichkeit. Es ist nicht zu übersehen dass die Bräuche einerseits eine Anker und Ventilfunktion haben um den Menschen Nähe Geborgenheit und Identität zu vermitteln dass sie andererseits aber auch in den Sog der Veränderungen geraten sind die mit beklemmender Macht an ihnen zerren. Die Frage nach der Attraktivität gemeinsamen Feierns und Fröhlichseins in unserer Zeit beantwortet Mezger 2001 damit Feste und Bräuche seien lokale Antworten auf den Globalisierungsprozess In einer Welt die global immer eintöniger wird ist das Erlebnis regionaler und lokaler Besonderheit notwendiger denn je geworden. Brauchwandlungen Die veränderte und sich weiter verändernde Wirklichkeit der Bräuche lässt uns drei Entwicklungslinien erkennen 1. Lebendige Bräuche haben sich immer verändert und erneuert um attraktiv zu bleiben. Die Offenheit der Gegen 7 Thema Brauchtum welt des rheinischen Karnevals ist dafür ein gutes Beispiel. Die Kraft des Karnevals zeigt sich darin dass er immer neue Gegenwarten mit ihren Ideen und Inszenierungen in sich aufnehmen kann ohne seine historischen Traditionen über Bord werfen zu müssen. Frier 2005 Oder Im Zeitalter der Gleichstellung können auch junge Frauen zumindest in Schaltjahren ihren Liebsten einen Maibaum vors Haus stellen. 2. Bräuche verschwinden Bräuche schlafen langsam ein weil sie den Menschen fremd geworden sind weil sie der neuen Wirklichkeit nichts mehr zu sagen haben. Manche religiösen Bräuche haben sich in unserer säkularisierten Zeit nicht mehr halten können. Manchmal gibt es aber gezielte Initiativen die auf das Engagement Einzelner zurückgehen können um einen fast schon vergessenen Brauch wieder in Schwung zu bringen. Der Sternensingerbrauch den kaum mehr jemand kannte erlebte in den letzten Jahrzehnten mit neuer Sinngebung eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. 3. Neue Bräuche zielen auf veränderte Bedürfnisse und Bezüge der Menschen. Sie können bereits lebendige Feierleidenschaften der modernen Erlebnisgesellschaft verstärken. Halloween ist dafür ein anschauliches Beispiel. Mitte der 1990er Jahre beginnt sich der Brauch ein amerikanischer Export global fremd neu bei uns in Europa gegen mancherlei Ablehnung zu etablieren. Im Rheinland gerät er bald in den Sog von Karneval und wird zum willkommenen Feieranlass schon vor dem 11.11. also vor dem offiziellen Beginn der närrischen Session. Halloween stellt keine Karnevalskonkurrenz dar sondern bietet sich als längst erhoffte Ausweitung der Fastnacht an. Die Region vereinnahmt den globalen Brauch. Sie hat die Kraft dazu. Ein globaler Brauch wird regionalisiert ein unglaublicher Vorgang. Der Gruselbrauch bekommt eine eher heiter karnevalistische Note. Der Kürbis das HalloweenSymbol par excellence ist nicht länger die Furcht erregende Fratze. Im Rheinland schmückt ihn sozusagen die lustige Pappnase. Bräuche spielen sich nicht auf luftigen fernen Wolken ab Um es nochmals zu betonen Jahres Bräuche sind öffentliche Massenereignisse mit großer Resonanz und Wirkung. Sie werden zwangsläufig zum Thema und Objekt ökonomischer Interessen medialer Vereinnahmung und politischer Einflussnahme. Das kann niemanden wundern wird aber von vielen beklagt. Doch wie sollte es anders sein Bräuche spielen sich nicht auf luftigen fernen Wolken ab sie spielen mitten im Leben. Sie sind Ausdruck unseres Lebens und unserer Gesellschaft. Natürlich gibt es Begehrlichkeiten bergriffe und Ansprüche. Wie oft mussten oder müssen sich Bräuche oder Brauchträger ökonomischen medialen oder politischen Einflüssen beugen. Aber oft genug haben die Menschen sich von ihrer Lebensfreude nicht abbringen lassen und einfach nach ihrer Art weiter gefeiert. Als jüngst der Kölner Stadtrat die traditionelle große Volkskarnevalssitzung in einem Großzelt auf dem Neumarkt verbot weil auf den Plätzen der Innenstadt keine Zelte mehr aufgebaut werden sollen erhob sich ein Massenprotest bei den Kölnern namentlich bei den Karnevalisten die alle mit schwarzen Pappnasen ihren Unmut zur Schau trugen und ihrer Kritik auch mit Persiflagewagen auf dem Rosenmontagszug freien Lauf ließen. Die Politiker die bald merkten dass sie sich zu weit vom feierfreudigen Volk entfernt hatten hoben nach einigen Diskussionen ihren voreiligen Verbotsbeschluss wieder auf. Kommerzialisierung von Bräuchen Die Kommerzialisierung von Bräuchen setzt schon ungeahnt früh schon im 19. Jahrhundert ein. Denn auch damals war den Akteuren bereits klar Brauchveranstaltungen kosten Geld. Deshalb gilt es Finanzquellen zu erschließen. Aber die Kommerzialisierung wuchs sich ins Gigantische aus. Sie beherrscht heute die großen attraktiven Ereignisse des Festkalenders. Schenktermine sind Umsatzbringer und damit einkalkulierte Faktoren im Geschäft des Handels. Karneval bedeutet unverzichtbare Hochsaison für die Brauereien. Der Boom der Weihnachtsmärkte die die Massen anlocken hängt mit ihrem kommerziellen Erfolg zusammen. Manche behaupten Valentinstag Muttertag oder Halloween seien geradezu Erfindungen der Geschäftswelt und der Weihnachtsmann sei eine geniale Idee von Coca Cola. Und da zeigt sich ... die immer totalere Vereinnahmung der Figuren Nikolaus oder Weihnachtsmann durch eine gnadenlose Konsumindustrie der es ausschließlich um Zuwachsraten Umsatzsteigerungen und Profitmaximierung geht so der Brauchforscher Mezger 2001 . Bräuche sind Medienereignisse Politische Einflüsse von Bräuchen Der mediale Aspekt hat mit dem öffentlichen Charakter der Bräuche zu tun. Wer sich präsentieren will sucht die ffentlichkeit. Die Medien stellen die ffentlichkeit her ohne die Bräuche nicht bestehen können. Bräuche sind auf der anderen Seite willkommener Anlass lokaler und regionaler Berichterstattung Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 8 Brauchtum Thema wegen des enormen öffentlichen Interesses an ihnen. TV Sender präsentieren große Karnevalssitzungen in abendfüllenden Formaten zur besten Sendezeit sie übertragen mit großem Aufwand die Rosenmontagszüge in Originallänge und erreichen eine überregionale landesweite ffentlichkeit. Die mediengerechte und mediengesteuerte Konfektionierung von Bräuchen von Brauch Events und Veranstaltungen wird manchmal als Verlust an Authentizität und lokaler Ursprünglichkeit der Festereignisse beklagt. Gelungener Sitzungskarneval müsse ein viel größeres Spektrum haben als Comedy und Klamauk so die Kritik an manchen Brauchtrends heute. Aber auch das kennt man Manche Bräuche werden durch die Aufmerksamkeit der Medien zu neuem Leben erweckt Als sich 1998 in Haag einem kleinen Hunsrückdorf ein Fernsehteam ansagte hat man den Weschdaach die fast vergessene Kräuterweihe am 15. August dort wieder groß aufleben lassen Bohn 2007 . Das Wechselnde und Schillernde unserer Welt die eigentümlichen Bewegungen der Gesellschaft die Beschleunigung des Alltags werden in unseren Bräuchen sichtbar denen sich niemand entziehen kann. Sie sind unser kostbares Erbe aber sie sind kein Museum und keine anonymen Gebilde. Sie spiegeln regionale Traditionen Werte und Haltungen wider. Sie reflektieren Mentalitäten. Es ist also ziemlich viel wie man sieht was die Bräuche ausmachen und was sie uns bedeuten. An einem so vordringlichen Thema der Alltagskultur in dem so viel Energie für unser Leben steckt kann die Schule nicht vorbeigehen. Bräuchen auch verstehen. Schulen sind Brauchträger Wenn für die meisten Menschen Bräuche und Festtraditionen ihre Bedeutung haben wenn die Menschen ohne ihre Bräuche nicht leben können dann berührt das auch Schulrealität und Unterrichtspraxis in einem besonderen Maß. Schulen sind Teil einer komplexen lebendigen Brauchumgebung. Schulen sind Brauchorte wenn ich etwa an den Brauch des Ersten Schultags denke mit dem eine neue Lebensphase beginnt oder an die Abi Events mit denen sich junge Menschen auf ihre Art von einer langen prägenden Lebensetappe verabschieden. Schulen sind aber auch unglaublich wichtige Brauchträger die an lebendigen Brauchtraditionen ihren gehörigen Anteil haben. Schulen tragen bei vielen Festterminen zur Organisation und Durchführung von Brauchgeschehnissen bei. Denn Kinder und Jugendliche sind Brauchakteure ersten Ranges. Bräuche sind Teil der Lebenswirklichkeit der Kinder. Viele Jahresbräuche sind Kinderbräuche wenn ich etwa an St. Martin Dreikönigsbrauch österliche Bräuche manche Pfingstbräuche oder auch Halloween denke. Kinder und Jugendliche sind hier in vielerlei Weise aktiv. Das Mitmachen im Brauchgeschehen ist die entscheidende Größe in der Einstellung junger Leute. Auch Bräuche können eine Schule sein die junge Menschen in das Leben einüben. Es gibt dabei viel kennenzulernen zu sehen und anzupacken. St. Martin und Fastnacht wären ohne Mitwirkung der Schulen heute undenkbar. Die Pädagogisierung des Martinsbrauchs renden Dichters des frühen 13. Jahrhunderts das vom bäuerlichen Milieu berichtet So zechten er und die Seinen dem edlen Sankt Martin zum Preise und zum Gedächtnis bis sie schließlich das Bewusstsein verloren und nicht mehr wussten wo sie herumlagen. Ein schlauer Dieb macht sich diese zügellose Art St. Martin zu feiern zunutze und bestiehlt den reichen Bauer in schlimmster Weise. Auf einem Bild aus dem Umfeld Pieter Bruegels d. . balgt und schubst sich eine große Menge armselig gekleideter Leute mit irdenen Gefäßen um ein dickes rotes Fass hoch auf einem Gerüst. Manche reißen einander an den Haaren andere liegen schon betrunken im Dreck. Das Gemälde lässt keinen Zweifel an der wilden Stimmung eines Martinsfestes. Später sehen wir St. Martin als einen ungestümen Heische und Feuerbrauch junger Leute mit allerlei Rivalitäten und Streitereien bei denen die Fetzen fliegen. So geht es noch im späten 19. Jahrhundert zu. Das mag ja den Beteiligten den Jungen viel Spaß gemacht haben sagt H. Schwedt aber es passte zunehmend weniger in die ästhetische und pädagogische Vorstellungswelt einer bürgerlichen Gesellschaft. ... Und noch etwas schon seit dem ersten Drittel des Jahrhunderts hatte sich nicht zuletzt unter dem Eindruck romantischer Ideen und frühen volkskundlichen Wirkens ein Bild von richtigen Bräuchen entwickelt und diese richtigen Bräuche hatten schön zu sein und wo es um Kinder ging pädagogisch wertvoll. Die Erwachsenen nehmen das Martinsfest selbst in die Hand. Man hat fast den Eindruck als wenn die Kinder hier um einer schönen Brauchinszenierung willen zu netten Statisten werden. Der Schwung eigener Initiative lässt sich weniger entdecken. Im Kunstunterricht bekommen die Kinder die Aufgabe Fackeln für den Martinszug zu basteln. Der Zug selbst wird zum Pflichtereignis bei dem viele Schülerinnen und Schüler nur murrend mitgehen wenn sie sich schon nicht drücken können. Erinnerung an Bräuche der Kinderzeit Bräuche können eine Schule sein Pädagogische und didaktische berlegungen zum Unterrichtsthema Bräuche Die folgende Auflistung einiger didaktisch methodischer Ansätze kann für die schulische Praxis Anstöße geben sich mit Bräuchen im Unterricht näher zu beschäftigen. Die Schülerinnen und Schüler können in vielfältiger Weise motiviert werden beim Thema Bräuche selbst aktiv zu sein von sich aus und gemeinsam zu handeln. Sie sollten jedoch auch angeleitet werden Bräuche selbst zu erleben zu sehen und zu entdecken damit sie das Innenleben von Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 Beide Bräuche sind auch wenn man so will ähnlich wie der neu belebte Sternensingerbrauch pädagogisch überformt worden. Sie wurden pädagogisiert ästhetisiert und domestiziert. Der Volkskundler H. Schwedt hat diese pädagogische Brauchwandlung sehr anschaulich am Beispiel des Martinsfestes erklärt. Die Pädagogisierung geschieht aus dem Geist des bürgerlichen 19. Jahrhunderts. Ehedem war St. Martin ein übles Sauf und Rauffest. Kaum anderswo äußert sich die wüste Stimmung der Martinsnacht so drastisch wie in einer Märe des Strickers eines populären fah Ein ganz anderes Bild von Brauchaktivitäten der Kinder zeichnet ein gewisser Ferdinand Stausberg. Dessen Kindheitserinnerungen lassen weniger sthetik als 9 Thema Brauchtum Freiheit und unbändige Freude beim Erleben der Festereignisse spüren. Als Kontrast ziehe ich sie heran. Seine Kindheit erlebt Stausberg in den 1870er Jahren in Oberwinter am Rhein einem kleinen Ort etwas südlich von Bonn. Er stammt aus einfachsten Verhältnissen keine bequeme Existenz und doch schildert er seine Kinderzeit als ein Leben voll wunderbarer Tage als er sich über 40 Jahre später hinsetzt um seine Erinnerung aufzuschreiben. Wir Kinder hatten Abwechslung genug sagt Ferdinand Stausberg wenn es auch nicht gerade Kirmes war. Das ist der Punkt Trotz aller Abwechslung die die Kinder von Oberwinter das Jahr hindurch erleben sind Kirmes und die anderen Brauchereignisse im Jahreslauf für die Kinder so bedeutsam dass sie in den Erinnerungen Ferdinand Stausbergs einen ganz besonderen Rang einnehmen. Da ist die St. Laurentius Kirmes ein Fest wo die Jugend sich das ganze Jahr drauf freute. Vom Appollinarisfest und vom Jakobsmarkt in Remagen wandern die Oberwinterer fröhlich heimwärts. Das Herz hüpft ihm vor Freude wenn der kleine Ferdinand das Fähndelschwenken erlebt und die eigenartig schöne Weise welche zum Fahnenschwenken gespielt wurde Auch die Fastnachtszeit feierten wir Jungen in ausgelassenster Weise. Der Höhepunkt unserer Freuden war das Märtesfeuer am Vorabend von St. Martin ... Und weiter Jubelnd umsprangen wir das Feuer. Im Grunde zehrt Ferdinand Stausberg sein ganzes Leben von der Faszination der Brauchereignisse der Kinderzeit. Der Gedanke daran macht ihn froh. Ich habe bei der Arbeit mit alten Menschen von denen manchen das Sprechen schwer fiel erlebt welches Leuchten welche Wärme welche Gefühlsfarben des Wohlbefindens aufkommen konnten wenn sie sich daran erinnerten wie sie bei den Bräuchen ihrer Kindheit voller Freude mitgemacht hatten. Ihr Leben lang hatten sie diese Bilder des Mitmachens in der Gemeinschaft und erster Selbstpräsentation in der ffentlichkeit nicht losgelassen wenn sie sich an Fastnacht an Schützenfeste oder an Maifeste erinnerten. Das sind Eindrücke die sie nie vergessen haben Das wissen wir noch gut das haben wir ja alles mitgemacht. Drei Thesen für eine Brauchpädagogik Man kann jetzt natürlich einwenden Was interessiert uns wie Ferdinand Stausberg vor über 140 Jahren in dem kleinen Ort Oberwinter Kirmes feiert oder beim St. Martinsfest mitmacht. Mit unserer Lebenswelt hat das nichts mehr zu tun. Unsere Kinder leben heute unter völlig anderen Bedingungen. Haben sie nicht Tag für Tag genug Termine Events Fernsehen Computer und ich weiß nicht was Werden sie nicht Tag für Tag von allzu vielen Reizen überschüttet Diesen Argumenten lässt sich nur schwer widersprechen. Und doch Unsere eigene Zeit ist nicht völlig losgelöst von allen anderen Zeiten. Wir stehen nicht völlig unbekümmert gegenüber dem Vergangenen. Wir haben unser Erbe. Wir sehen eine Welt voller gegebener Bräuche und Traditionen. Ohne sie könnten wir und unsere Kinder nicht leben. Was Ferdinand Stausberg schildert sind Urbilder zusammenhängende Muster wie Kinder mit Bräuchen umgehen wie sie Bräuche erleben und was sie ihnen ihr Leben lang bedeuten können. Es scheint mir deshalb sinnvoll drei Punkte aus diesem Exempel für die Maßstäbe einer aktuellen Brauchdidaktik herauszuziehen 1. Bräuche sind für Kinder immer noch Höhepunkte im Lauf des Jahres. Bräuche machen Kindern heute noch genauso viel Freude wie früher. Bräuche können in ihrer Regelhaftigkeit und dem strukturierten Ablauf der Rituale gerade auch für Kinder Ordnungen stiften die Identität entwickeln und Hoffnungen entstehen lassen mit dieser Welt voller verwirrender Widersprüche fertig zu werden. 2. Entscheidend ist dass die Kinder und Jugendlichen die Bräuche nicht passiv konsumieren sondern dass sie mitmachen dass sie die Freude erleben Festtage mit vorzubereiten und aktiv mitzugestalten auch wenn dabei Wildwuchs zum Vorschein kommt und nicht alles glatt läuft. 3. Die Traditions und Vermittlungswege der Bräuche sind heute anders als früher. Die bernahme der Brauchelemente durch einfache Nachahmung der lteren geht so nicht mehr wie im 19. Jahrhundert. Heute brauchen wir auch im Interesse der Kinder und Jugendlichen Vermittlungsinstitutionen die die Bräuche tragen und weitergeben. Auch den Schulen kommt dabei eine wichtige Funktion zu. Zudem kann die Institution Schule wenn sie die Grundprinzipien der Aktivitätspädagogik und der Lebensnähe im Unterricht ernst nimmt bei einer alltagsbezogenen Didaktik auf Bräuche nicht verzichten die im Zentrum unserer Alltagskultur stehen. Auch heute Bräuche ein Grundbedürfnis der Kinder und Jugendlichen Hermann Bohn ein verdienstvoller lokaler Brauchforscher aus Morbach Hunsrück schätzt das Interesse der Kinder und Jugendlichen heute am Brauchgeschehen teilzunehmen als eher gering ein Althergebrachte Bräuche hatten einen festen Platz in unserer Gesellschaft und wurden ganz einfach gelebt. Ich fand sie immer wieder schön und sinnvoll. Gelebtes Brauchtum bildet Traditionen und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Dorfgemeinschaft. Heute erleben Kinder und Jugendliche viele Bräuche und Gewohnheiten nicht mehr unmittelbar sondern sie empfinden die Einhaltung von Bräuchen als überholt oder gar Zwang Bohn 2007 . Dahin mag es kommen wenn an den Bräuchen zu viel herumpädagogisiert und kanalisiert wird und die spontane Freude und Ausgelassenheit die Freiheit zum Aktivsein wie sie Ferdinand Stausberg erlebt auf der Strecke bleiben. Es kann eine Barriere sein die Qualität althergebracht zu sehr herauszustellen und den Wandel und damit die veränderten Bedürfnisse zu wenig zu würdigen. Es kann ein Problem sein Brauchtum und Gesittung in einem Atemzug zu nennen wie das früher in pädagogischen Zusammenhängen eines erziehenden Unterrichts vorkommen konnte. Nicht nur die Terminologie ist uns heute völlig fremd geworden. Die Selbstverständlichkeit ungebrochener Traditionen hat vielleicht Risse bekommen. Aber die Feierfreude und die Festkreativität der jungen Leute sind aktuell sehr ausgeprägt wie sich jedenfalls im Rheinland empirisch überzeugend nachweisen ließ. Sie haben noch einen Bezug zu Brauchtraditionen doch sie betonen auch wie sehr Traditionen die Offenheit für Veränderungen hemmen können. Ich sehe das Grundbedürfnis der Kinder und Jugendlichen Bräuche zu erleben und Feste zu feiern sehr positiv wenn es denn Ereignisse sind die dem Lebensgefühl junger Leute des 21. Jahrhunderts Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 10 Brauchtum Thema entsprechen. Ein Abi Gag oder eine Halloween Fete wird dem Lebensgefühl näher kommen als das Strohhalm Legen zur Adventszeit. Beispiele für kreativen Umgang mit Bräuchen im Unterricht Was kann in der Schulpraxis konkret geschehen um das lebenswichtige Thema Bräuche für die Schülerinnen und Schüler aufzuschließen und Wert und Funktion von Bräuchen verstehbar zu machen ber Braucherfahrungen und wissen verfügen alle Schülerinnen und Schüler. Die beste methodisch didaktische Empfehlung kann da nur heißen dass sie in jeder Hinsicht aktiv werden sollen. Sie kommen aus der Statistenund Konsumentenrolle heraus und übernehmen in freier Initiative selbst das Handeln. Sie bringen ihre Sichtweise der Bräuche ein. Erlebnisorientierung ist da ein wichtiger Fixpunkt. Bräuche selbst gestalten Art gibt es genug. Es könnte ein glanzvolles Silvester oder Neujahrs Event sein eine närrische satirische Karnevalssitzung ein verrücktes Fest zum 1. April Verkehrte Welt Motive oder eine Erntedank Veranstaltung um den Wert und die Einmaligkeit der Schöpfung zu feiern und die Verletzlichkeit unserer irdischen Ressourcen sinnfällig zu machen. Bräuche haben vielfach dazu gedient oder dienen noch dazu komplexe Inhalte etwa Pfingstgeschehen auf sehr anschauliche und spielerische Weise verständlich zu machen. Brauchforschung Die Schülerinnen und Schüler können eigenverantwortlich und in eigener Regie Bräuche die ihnen am Herzen liegen und in ihre mentale Welt passen mit einem klar definierten Ziel vor Augen gestalten eigene vielleicht neue Ausdrucksformen ausprobieren aber ihr Handeln sollten sie durchaus auch protokollieren und dadurch reflektieren. Die Anlage eines Brauch Tagebuchs oder Brauch Drehbuchs oder BrauchLibrettos das mit ganz persönlichen Impressionen und mit eigenen Bilddokumenten angereichert wird kann die Reflexion des Events und der Festorganisation ein Stück weiterbringen. Schöne Themen für eine Aktion dieser Die Schülerinnen und Schüler können sich auch als junge Brauchforscher versuchen um den existenziellen Wert von Bräuchen zu begreifen. Das ist schon in der Sekundarstufe I ohne weiteres denkbar. Eigene Begegnungen mit der Realität gemeinschaftlichen Feierns eigene Entdeckungen schaffen ein viel intensiveres Bewusstsein für Bedeutung und Besonderheiten von Bräuchen aus dem Nahbereich auf den es vor allen Dingen ankommt. Hier sind auch erste eigenständige Untersuchungen selbst neue Erkenntnisse am ehesten möglich. Es lassen sich natürlich auch sehr spezielle überschaubare Themen vorstellen. Vielleicht Welche charakteristischen Pflanzen Bäume Blumen Kräuter kommen in unseren lokalen regionalen Bräuchen vor Welche Funktion haben die Pflanzen bei unterschiedlichen Brauchanlässen Valentinstag Maibräuche Fronleichnam Kräuterweihe am 15. August Barbaratag usw. Oder es geht darum besondere Brauchspeisen auszumachen und eine Esskul tur der Bräuche zu dokumentieren vielleicht auch zu erproben. Es gibt beispielsweise kleine Hefekranzkuchen als Neujährchen Muuzen als Fastnachtsgebäck es gibt traditionelle Kirmeskuchen oder Weckmänner Stutenkerle oder wie sie heißen an Nikolaus. Es gibt ungezählte auch ganz junge Spezialitätenfeste Kirmessen Märkte usw. die örtlichen oder landschaftlichen Feldfrüchten Speisen und Gebäcken gewidmet sind Birnenmus Maubich Eierschmier Kartoffeln Krombiirebrotschesdaach Kartoffelbrattag auf dem Hunsrück Reibekuchen Kappes Appeltaate Apfelkuchen nur einige Beispiele will ich hier nennen. Sie mögen für fremde Ohren merkwürdig exotisch klingen aber sie sagen viel über örtliche Identität. Brauchquiz Die Schülerinnen und Schüler können die Ergebnisse ihrer Erkundungen in einer von ihnen konzipierten BrauchquizVeranstaltung präsentieren. Das bedeutet hohen Arbeitsaufwand aber das Format ist einerseits aktuell und sehr beliebt und es bietet andererseits eine sehr attraktive unterhaltsame Art der Wissensvermittlung. Quellensammlung regionaler Bräuche Das Zentrum aller Auseinandersetzung mit den Bräuchen und der darauf zielenden Schüleraktivitäten ist der kundige Umgang mit den unterschiedlichen Quellen regionaler und lokaler Brauchereignisse. Die Bandbreite der Brauchquellen ist gewaltig. Aber viele erschließen sich ohne Probleme für Schüler der Sekundarstufe I. Am Anfang stehen die eigenen subjektiven Erfahrungen mit Festen und örtlichen Traditionen. Die eigenen Eindrücke und Erlebnisse können schon sehr aufschlussreich sein. Um Kontinuität und Wandel von Bräuchen zu erkunden lohnt es sich sehr Zeitzeugen aus der Eltern und Großelterngeneration zu interviewen und die akustischen oder schriftlichen Aufzeichnungen mit dem eigenen Erleben zu vergleichen. So lässt sich je nachdem eine klare Brauchveränderung erkennen. Es kann sich anbieten versierte Brauchakteure selbst zu befragen z. B. Beierleute sie schlagen bei bestimmten Festen die Glocken in einem besonderen Rhythmus an bei ihrem Glockenbrauch im Kirchturm aufzunehmen. Eine Schule die junge Menschen in das Leben einführt Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 11 Thema Brauchtum Die Printmedien genauso wie die audiovisuellen Medien berichten inzwischen erstaunlich viel über Alltagskultur insbesondere auch über Brauchereignisse. Während der Wochen und Monate der Karnevalssession ist Fastnacht ein absolutes Spitzenthema lokaler regionaler Blätter und Sender. Deshalb lohnt es sich sehr Medienberichte zu entdecken zu sammeln und auszuwerten. Welche Ereignisse stehen im Vordergrund Was feiern die Menschen in unserem Ort und wie feiern sie ber welche Brauchformen wird berichtet Mit welcher Tendenz oder wie kritisch wird kommentiert Spielen auch neue Bräuche von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen bei uns eine Rolle Welche Brauchereignisse oder Brauchträger werden über die Medien besonders unterstützt Gibt es Hinweise auf unsere regionalen Bräuche im Internet Durch gezielte Recherche im Internet entdecken die Schüler auch bisher unbekannte Brauchtermine und Brauchträger in ihrem Ort. Aber auch Prospekte Flyer usw. von Touristikverbänden oder Fremdenverkehrsämtern von der Wirtschaftsförderung charakterisieren über Bräuche und Festtermine das Image und die Traditionen eines Ortes einer Region. Auf welche Bräuche kommt es ihnen an Wie stellen sie die Bräuche dar Gäbe es nicht Bräuche mit denen die Lebensart eines Ortes viel besser charakterisiert werden könnte Wie könnte eine an Bräuchen festgemachte Imagekampagne für einen Ort aussehen Daraus lässt sich ein ausgesprochen ergiebiges und kreatives Unterrichtsprojekt entwickeln. Das gilt genauso für den ganzen Komplex der kommerziellen Werbung. Man muss nur an Weihnachten denken Welche Werbekampagnen starten Firmen zu welchen Brauchterminen im Jahr Wie werden hier Bräuche vermarktet Welche Brauchsymbole kommen in den Blick Welche Medien kommen zum Zuge Die Schüler können Bild und Textaussagen in den unterschiedlichen Werbemedien Zeitungsannonce Prospekt TV Werbespot Plakat usw. auswerten und vergleichen. Selbst Comics oder auch Cartoons verraten mancherlei über Bräuche. Auch Donald Duck SpongeBob die Simpsons oder Wendy feiern Weihnachten Halloween oder irgendein anderes Fest. Eifrig nehmen sie Geschenktermine wahr. Welche Rituale kennen sie Was ist anders als bei uns Es gibt moderne Weihnachtspostkarten die manches über Einstellungsveränderungen zum Fest vermitteln. Wie wird das Fest gesehen Gibt es Karten dieser Art zu anderen Festen Eine Sammlung mit alten und aktuellen Karten ließe sich anlegen um im Vergleich die Unterschiede etwa in der Festsymbolik oder in der Bewertung des Festes herauszuarbeiten. Um sich detaillierter und tiefgründiger mit örtlichen Bräuchen zu befassen um Hintergründe und historische Zusammenhänge kennenzulernen kann man Ortschroniken Lebens und Kindheitserinnerungen Heimatkalender oder Kreis Jahrbücher aber dann auch Amateurfilme oder professionelle volkskundliche Filme als profunde Quellen einbeziehen und je nach didaktischem Ansatz nutzen. Film oder Fotoprojekt stoßen. Das können ganz alltägliche leicht erreichbare Dinge sein die aber eine Menge erzählen können ein Birkenzweig ein gefärbtes Ei eine Holzklapper ein rotes Band eine Narrenkappe. Das Projekt will natürlich nicht mit dem örtlichen Stadt oder Heimatmuseum konkurrieren. Aber das Museum kann als Kooperationspartner und Anreger möglicherweise über die Museumspädagogik sehr gut in der Sache weiterhelfen. hnlich können regionale Freilichtmuseen hilfreiche kompetente Partner sein. Vielleicht lässt sich ein Brauch Dokumentationsprojekt mit einem der museumspädagogischen Angebote der Freilichtmuseen etwa Schüler wohnen im Museum kombinieren. Literatur Bohn H. Zwischen Neujährchen und Johanneswein. Erfurt 2007 Dafft G. Krieger M. Hrsg. Mirabilis. Kreatives Event Management auf Rheinisch. Köln 2007 Döring A. Rheinische Bräuche durch das Jahr. Köln 2007 Frier E. Die Roten Funken machen Geschichte. In Hunold H. G. Drewes W. Euler Schmidt M. Hrsg. Vom Stadtsoldaten zum Roten Funken. Köln. 2005 S. 315 322 Jeggle U. Sitte und Brauch in der Schweiz. In Handbuch der schweizerischen Volkskultur. Band 2. Zürich 1992 S. 603 628 Krieger M. Rheinisches Schützenwesen und regionale Identität. Vervielfältigtes Typoskript. Bonn 2006 Mezger W. Vom Kirchenmann zum Kassenschlager. In Döring A. Hrsg. Faszination Nikolaus. Essen 2001 S. 11 41 Mezger W. Kölle alaaf hinter Glas und Vitrinen. In wir im rheinland. Magazin für Sprache und Alltagskultur 2 2006 S. 59 68 Schwedt H. St. Martin Ein reformierter Brauch In Volkskultur an Rhein und Maas 1 1992 S. 9 18 Stausberg F. Erinnerungen an meine Jugendzeit. Breyell 1917. Typoskript der Transkription der Handschrift als Buch hrsg. vom Rathausverein Oberwinter 2006 unter dem Titel F. S. Eine Kindheit in Oberwinter. Filme können vielleicht als Anregung gesehen werden ein eigenes kleines Filmprojekt zu beginnen oder wenigstens eine Fotoserie zu produzieren die die schönsten Feste und Festtage im Ort dokumentiert. Kleine Erläuterungen erschließen das Geschehen auf den Fotos. So entsteht ein lokales Brauchbuch oder sogar eine Ausstellung die die Bedeutung und Farbigkeit der Feste im eigenen Ort ausdrücken kann. Sie wird sichtbar machen wie viele Menschen sich von den Festen und Traditionen angezogen fühlen und in welcher Weise sie am Geschehen Anteil haben. Die Fotodokumentation lässt sich auf eine sehr lehrreiche Weise ausweiten und ergänzen wenn die Schülerinnen die Aufgabe angehen ältere Fotos zu sammeln. Der Kontrast des Früheren und des Aktuellen ist wirklich ergiebig. Der Vergleich macht Traditionsbezüge aber auch Veränderungsstufen durch die Jahrzehnte greifbar. Brauchmuseum Einmünden könnte der dokumentarische Ansatz in ein mehrdimensionales Projekt ein eigenes kleines Brauchmuseum. Das Museum muss nichts anderes sein als das Zusammentragen Ordnen und Beschreiben Inventarisieren von Gegenständen und Dokumenten auf die die Schülerinnen und Schüler selber Dr. Fritz Langensiepen Ehem. Leiter des LRV Amtes für Rheinische Landeskunde An den vier Winden 4 50996 Köln 12 Schulmagazin 5 bis 10 10 2008 Klasse 5 Klasse 6 Klasse 7 Klasse 8 Klasse 9 Klasse 10 Ethik Philosophie Politik Sozialkunde Wirtschaft Primarstufe Sekundarstufe Oldenbourg Klick Feste Projekt Weihnachten Advent Nikolaus Jahreszeiten Begriffe Ostern Gemeinschaft Kommerzialisierung Vorhaben Sachinformation Brauchtum Feiern Jahreskreis Jahreswechsel Jahreslauf Pfingsten emotionale Prozesse emotionale Aspekte Medienereignisse gesellschaftliche Aspekte Muttertag Primarstufe Sekundarstufe Klasse 8 Klasse 6 Klasse 5 Klasse 7 Klasse 9 Klasse 10 Wirtschaft Politik Ethik Philosophie Fachunabhängig Sozialkunde
Information zum Unterrichtsmaterial
| Fächer | Ethik, Philosophie, Politik, Sozialkunde, Wirtschaft |
|---|---|
| Schulform | Primarstufe |
| Klassenstufe | Klasse 5, Klasse 6, Klasse 7, Klasse 8, Klasse 9, Klasse 10 |
| Methodik | keiner Methodik zugeordnet |
| Materialtyp | kein Materialtyp angegeben |
| Binnendifferenziert | Nein |
| Bewertung | |
|---|---|
| Seiten | 8 |
| Kommentare | 0 |
| Ansichten | 3015 |
| Downloads | 111 |
| Favoriten | 0 |
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| Veröffentlicht | 26.03.2011 |
Beschreibung des Unterrichtsmaterials
Dieser Praxis- und Theoriebeitrag bietet viele Informationen zum Thema 'Brauchtum' und gibt Anregungen für den Unterricht.
*** Bräuche gehören durch ihre Traditionen und ihre regelmäßige Wiederkehr zu den vertrauten und gewohnten Erscheinungen in unserem Leben, die uns Halt geben. Auf der anderen Seite sind sie etwas aufregend Einmaliges, das aus dem gewöhnlichen Trott ausbricht. <br>
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